Foto: Die wissenschaftliche Leiterin der LL, PD Dr. Christine Thomas und Professorin Christine von Arnim, die federführend für die DGG an der Erstellung beteiligt war. Copyright: DGG

Neue S3-Leitlinie Delir im höheren Lebensalter veröffentlicht

Seit 08.01.2026 ist die neue S3-Leitlinie „Delir im höheren Lebensalter“ bei der AWMF veröffentlicht. Die Leitlinie wurde unter der Federführung der Deutschen Gesellschaft für Geriatrie (DGG) sowie der Deutschen Gesellschaft für Gerontopsychiatrie und -psychotherapie (DGGPP) entwickelt. Beteiligt waren mehr als 30 weitere Fachgesellschaften und Berufsverbände. Neben einer ausführlichen Langfassung stehen auch eine Kurzfassung sowie eine eigene Patientenleitlinie zur Verfügung. Erstmals bündelt die Leitlinie 69 evidenz- und konsensbasierte Empfehlungen, die alle Versorgungsbereiche abdecken. Damit werden sektorenübergreifende Standards für Prävention, Diagnostik, Behandlung und Nachsorge von Delirien bei hochbetagten Patientinnen und Patienten definiert.

Die S3-Leitlinie berücksichtigt dabei sämtliche Versorgungsbereiche – von der ambulanten Versorgung und der Notaufnahme über den stationären Krankenhausaufenthalt bis hin zu Pflegeeinrichtungen und der Rehabilitation. Sie greift alle zentralen Aspekte der Versorgungspraxis auf: von Früherkennung und Prävention über eine leitliniengerechte Therapie bis hin zu einer strukturierten Nachsorge.

„Die Leitlinie ist das Ergebnis eines außergewöhnlich breiten interprofessionellen Konsenses aus Medizin, Pflege, Therapie und weiteren Gesundheitsberufen“, weiß die wissenschaftliche Leiterin, PD Dr. Christine Thomas, Ärztliche Direktorin der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie für Ältere am Klinikum Stuttgart. So gilt die Publikation als eines der bisher größten interprofessionellen Leitlinienprojekte im deutschsprachigen Raum. „Ziel war es, klare und umsetzbare Empfehlungen für alle Berufsgruppen zu formulieren.“

Fokus auf nicht-medikamentöser Prävention und Therapie

Ein wesentliches Kennzeichen der Leitlinie ist die deutliche Betonung nicht-medikamentöser Maßnahmenbündel, sogenannter Multikomponenten-Interventionen. Dazu zählen unter anderem eine strukturierte und kontinuierliche Kommunikation, gezielte Orientierungshilfen, die Förderung von Mobilität sowie Maßnahmen zur Unterstützung eines geregelten Schlafs. „Ihre Wirksamkeit wurde durch eine eigens durchgeführte Meta-Analyse belegt – sowohl in der Prävention als auch in der Behandlung des Delirs“, betont Christine Thomas. Maßnahmen dieser Art seien fester Bestandteil der leitlinien-basierten Versorgung. Sie ermöglichen insbesondere auch professionell Pflegenden eine evidenzbasierte Handlungsgrundlage.

Dabei greift Thomas auf Erkenntnisse aus den von ihr geleiteten Forschungsprojekten DELEIhLA und PAWEL zurück, die vom Innovationsausschuss des G-BA gefördert wurden. Die Ergebnisse dieser Projekte bildeten eine zentrale wissenschaftliche Grundlage für die Erarbeitung der neuen S3-Leitlinie.

Hohe Bedeutung für die Versorgung älterer Menschen: Delir häufig und folgenreich

„Der zentrale Referenzrahmen für alle Versorgungsbereiche, der uns so lange gefehlt hat, ist jetzt endlich geschaffen“, ist Professorin Christine von Arnim überzeugt. Die Direktorin der Klinik für Geriatrie an der Universitätsmedizin Göttingen war federführend für die DGG an der Erstellung der Leitlinie beteiligt. „Ein Delir bei unserem Patientenklientel ist häufig, schwerwiegend und wird oft nicht erkannt!“, erklärt die Geriaterin. Denn die akute Funktionsstörung des Gehirns tritt häufig bei älteren Menschen auf und gilt zugleich als die folgenreichste Komplikation im höheren Lebensalter.

Typische Anzeichen eines Delirs sind nach Angaben von von Arnim unter anderem Störungen der Aufmerksamkeit, zeitliche oder räumliche Desorientierung, Denkstörungen sowie Veränderungen des Bewusstseins. Als häufige Auslöser gelten Infektionen, operative Eingriffe, bestimmte Medikamente oder akute körperliche und psychische Belastungen.

Gelungene Betroffenenleitlinie ermöglicht individuelle Prävention

Entstanden ist deshalb auch die optisch einladende, kurz gefasste und sehr anwendungsorientierte Patientenleitlinie für Betroffene und vor allem auch deren Angehörige. „Die Broschüre erklärt, was ein Delir ist und wie man es erkennt, um mehr Verständnis für die Situation zu schaffen“, freut sich Christine von Arnim über das Ergebnis. „Mit der Weitergabe dieser Informationen können alle an der Behandlung Beteiligten aufklären und optimal unterstützen“, ergänzt PD. Dr. Christine Thomas.

Die Leitlinie enthält zudem Checklisten, mit denen ein Delir-Risiko frühzeitig eingeschätzt werden kann, sowie praxisnahe Empfehlungen zur Prävention. Ergänzend finden sich Hinweise auf weiterführende Literatur, YouTube-Videos sowie Informationen zu Unterstützungsangeboten durch Stiftungen, Patientennetzwerke und Selbsthilfegruppen.

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