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Cochrane-Review: Pflegekräfte übernehmen Ärzteaufgaben

Welche Auswirkungen hat es auf Patient:innen und Versorgungskosten, wenn in Krankenhäusern klar definierte ärztliche Aufgaben auf Pflegefachkräfte übertragen werden? Dieser Frage widmet sich ein aktuell veröffentlichter Cochrane Review. Die Ergebnisse – mit dem Hinweis, dass sie sich nicht ohne Weiteres auf Deutschland übertragen lassen – zeigen folgendes Bild:

Übernehmen Pflegefachpersonen ärztliche Tätigkeiten in einem klar umrissenen und begrenzten Rahmen, unterscheidet sich die Sterblichkeit der Patient:innen wahrscheinlich kaum oder gar nicht (Relatives Risiko: 1,03). Dieses Ergebnis basiert auf 19 Studien mit insgesamt 8.239 Teilnehmenden und weist eine moderate Vertrauenswürdigkeit auf.
Auch hinsichtlich Lebensqualität und Selbstwirksamkeit der Patient:innen zeigen sich voraussichtlich keine oder nur geringfügige Unterschiede im Vergleich zur ärztlichen Versorgung. Grundlage hierfür sind 22 Studien mit 5.246 Teilnehmenden beziehungsweise 11 Studien mit 3.022 Teilnehmenden; die Evidenz wird ebenfalls als moderat vertrauenswürdig eingeschätzt.
Bei unerwünschten Ereignissen – etwa nicht erkannten postoperativen Komplikationen oder stärkeren Nebenwirkungen infolge von Medikamentenanpassungen – besteht möglicherweise ebenfalls kaum ein Unterschied. Diese Einschätzung stützt sich auf 31 Studien mit 14.437 Teilnehmenden. Die Evidenzlage gilt hier jedoch als unsicher und wird als niedrig vertrauenswürdig bewertet.
Offen bleibt, wie sich die Aufgabenübertragung finanziell auswirkt. Direkte Kosten wurden in 36 Studien untersucht: In 17 Fällen sanken die Ausgaben, wenn ärztliche Aufgaben an Pflegefachkräfte delegiert wurden, in neun Studien hingegen stiegen sie. Als mögliche Ursachen für höhere Kosten werden unter anderem längere Konsultationszeiten, vermehrte Überweisungen oder Unterschiede im Verordnungsverhalten genannt.

Insgesamt wurden im Cochrane Review 82 randomisierte Studien mit zusammen 28.041 Patient:innen berücksichtigt. Die Untersuchungen fanden sowohl in der stationären Versorgung als auch in ambulanten Einrichtungen von Krankenhäusern statt.
Die Studien deckten eine große Bandbreite an Modellen ab, in denen Pflegefachpersonen ärztliche Aufgaben übernahmen. Dabei variieren sowohl die Fachgebiete als auch die Verantwortungsbereiche, das Qualifikationsniveau und der Grad der Autonomie der Pflegenden. So übernahmen Pflegefachkräfte beispielsweise die Nachsorge bei Diabetes- oder Rheumapatient:innen, um den Krankheitsverlauf zu überwachen oder Medikamente anzupassen. In anderen Studien war die Wundversorgung nach Operationen Aufgabe der Pflegenden, während speziell geschulte Fachkräfte Vorsorge-Darmspiegelungen durchführten.
Mehr als zwei Drittel der Studien wurden in europäischen Ländern durchgeführt, davon über die Hälfte im Vereinigten Königreich. Eine Untersuchung in Deutschland war nicht darunter.

Timothy Schultz, Seniorautor des Reviews und Wissenschaftler am australischen „Flinders Health and Medical Research Institute“, erläutert: „Der Einsatz von Pflegefachpersonal statt Ärzt*innen ist kein einfacher Eins-zu-eins-Ersatz. Damit es in der Praxis gut funktioniert, sind die richtige Ausbildung, Unterstützung und geeignete Versorgungsmodelle erforderlich. Die Erfahrungen zeigen jedoch, dass Patient*innen dadurch nicht benachteiligt werden, sondern sogar davon profitieren können.“ Vor dem Hintergrund von Personalmangel, langen Wartezeiten und einem wachsenden Versorgungsbedarf im Gesundheitswesen halten die Autor:innen des Reviews die Übertragung klar definierter ärztlicher Aufgaben auf andere Berufsgruppen im Krankenhaus für potenziell sinnvoll.

„Der Review liefert für solche Überlegungen Evidenz aus der internationalen Forschung. Aber er beantwortet nicht automatisch die Frage, ob sich solche Modelle in unserer deutschen Versorgungslandschaft bewähren würden“, ordnet Prof. Dr. Jörg Meerpohl, wissenschaftlicher Direktor von Cochrane Deutschland, ein. „Denn die Rolle von Pflegefachkräften im Vereinigten Königreich – dem Land, in dem die meisten eingeschlossenen Studien durchgeführt wurden – unterscheidet sich aktuell rechtlich und organisatorisch von den Rahmenbedingungen in Deutschland. Wir können diese sehr ermutigenden Ergebnisse des Reviews daher nicht pauschal und uneingeschränkt auf Deutschland übertragen. Eine Umsetzung entsprechender Maßnahmen in Deutschland sollte begleitend evaluiert werden, um lokale Hürden in Organisation, Zuständigkeiten und Qualifikationswegen früh zu identifizieren und Patient*innensicherheit sowie Versorgungsqualität verlässlich abzusichern.“

Zum Hintergrund:
In Deutschland durften Pflegefachpersonen ärztliche Tätigkeiten bis Ende 2025 nur im Rahmen ärztlicher Delegation und zeitlich befristeter Modellvorhaben übernehmen. Mit dem Inkrafttreten des „Gesetzes zur Befugniserweiterung und Entbürokratisierung in der Pflege“ am 1. Januar 2026 können Pflegefachkräfte bei nachgewiesener Kompetenz nun klar definierte Leistungen in stationären und ambulanten Versorgungskontexten eigenverantwortlich erbringen.

Über Cochrane Deutschland:
Cochrane Deutschland mit Sitz in Freiburg ist Teil der internationalen, gemeinnützigen Cochrane Collaboration. Das Netzwerk unabhängiger Wissenschaftler:innen erstellt systematische Übersichtsarbeiten zu unterschiedlichen medizinischen und gesundheitlichen Fragestellungen – die sogenannten Cochrane Reviews. Darin fassen die Forschenden die weltweite Studienlage transparent zusammen und bewerten deren Qualität. Ziel ist es, auf diese Weise eine evidenzbasierte und verlässliche Grundlage für medizinische und gesundheitspolitische Entscheidungen zu schaffen. Seit der Gründung 1993 wurden bereits rund 9.500 Cochrane Reviews veröffentlicht. Cochrane Deutschland übersetzt besonders relevante Reviews aus dem Englischen ins Deutsche und macht sie so für die Öffentlichkeit in Deutschland leichter zugänglich.

Originalpublikation:
Butler M, Kirwan M, Mc Carthy VJC, Cole JA, Schultz TJ. Substitution of nurses for physicians in the hospital setting for patient, process of care, and economic outcomes. Cochrane Database of Systematic Reviews 2026, Issue 2. Art. No.: CD013616. DOI: 10.1002/14651858.CD013616.pub2.

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