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WIdO-Analyse zum Pflegebudget im Krankenhaus: Starker Anstieg von Personal und Kosten bei gesunkener Fallzahl
Das 2020 eingeführte Pflegebudget zur Finanzierung der Pflegepersonalkosten in Krankenhäusern hat – trotz rückläufiger Fallzahlen in der Patientenversorgung – zu einem Anstieg der Zahl der Pflegekräfte in den Kliniken sowie zu deutlich höheren Ausgaben geführt. Zugleich sind verschiedene Fehlanreize und Zielkonflikte entstanden. Zu diesem Ergebnis kommt ein aktuelles e-Paper des Wissenschaftliches Institut der AOK, in dem die Auswirkungen des Pflegebudgets auf Grundlage umfangreicher Datenauswertungen untersucht werden.
Die Datenauswertung zeigt, dass das finanzielle Volumen des Pflegebudgets seit seiner Einführung im Jahr 2020 von 19,4 Milliarden Euro auf 26,1 Milliarden Euro im Jahr 2024 deutlich gewachsen ist. Besonders auffällig ist, dass sich die Kostendynamik in den Jahren 2023 und 2024 im Vergleich zu den Vorjahren nochmals verstärkt hat. Während die Steigerungsraten in den Jahren 2021 und 2022 jeweils bei rund sechs Prozent lagen, beliefen sie sich 2023 auf 8,4 Prozent und 2024 auf 10,5 Prozent. Darüber hinaus sind die Ausgaben der gesetzlichen Krankenkassen für Pflegepersonal in Krankenhäusern stärker gestiegen als sämtliche übrigen Ausgaben im Krankenhausbereich.
„Beim Pflegebudget gilt das Prinzip der Selbstkostendeckung. Das bedeutet, dass die Krankenhäuser sämtliche Kosten für den Personalzuwachs direkt an die Krankenkassen weitergeben können“, erläutert David Scheller-Kreinsen, WIdO-Geschäftsführer und Mitautor der Analyse. „Vor diesem Hintergrund ist der starke Kostenanstieg nicht verwunderlich. So sind beispielsweise die Pflegepersonalkosten der gesetzlichen Krankenkassen im Jahr 2024 um 2,4 Milliarden Euro gestiegen. Dieser zusätzlich ausgegebene Milliardenbetrag ist beitragssatzrelevant und entspricht 0,13 Beitragssatzpunkten für die GKV-Versicherten“, so Scheller-Kreinsen. „Besonders besorgniserregend ist, dass sich das Wachstum des Pflegebudgets weiter fortschreibt, wie aktuell bereits vorliegende Daten zeigen. So steigt das vereinbarte Pflegebudget im Jahr 2025 gegenüber 2024 um 8 Prozent an. Für das Jahr 2026 liegen die aktuell vorliegenden Forderungen der Krankenhäuser 12 Prozent über dem für 2025 vereinbarten Wert.“
Die Autor:innen des e-Papers haben zudem untersucht, in welchen Krankenhäusern die Kostensteigerungen besonders ausgeprägt sind. Dabei zeigt sich, dass das Pflegebudget in freigemeinnützigen und privaten Kliniken zwischen 2019 und 2024 um 50 Prozent gestiegen ist – deutlich stärker als in den öffentlich-rechtlichen Krankenhäusern, wo der Anstieg bei 42 Prozent lag. Darüber hinaus bestehen deutliche Unterschiede zwischen einzelnen Häusern, die auf verschiedene Faktoren zurückzuführen sind.
Mehr Pflegepersonal bei sinkender Patient:innenzahl
Laut der Analyse ging der Anstieg der Kosten durch das Pflegebudget mit einer deutlichen Zunahme des Pflegepersonals in den Krankenhäusern einher – und das trotz rückläufiger Fallzahlen. Zwischen 2019 und 2024 stieg die Zahl der festangestellten Vollzeitkräfte im Pflegedienst um mehr als 50.000 auf etwa 350.600. Zum Vergleich: In den Jahren 2011 bis 2018 lag das durchschnittliche Personalwachstum bei 0,7 Prozent, nach Einführung des Pflegebudgets zwischen 2019 und 2024 hingegen bei 3,4 Prozent. „Das mit dem Gesetz verfolgte Ziel wurde also erreicht. Gleichzeitig sind die Fallzahlen in den Krankenhäusern allerdings seit dem Jahr 2020 gesunken. Es stehen also immer mehr Pflegekräfte zur Versorgung von immer weniger Patientinnen und Patienten in den Kliniken zur Verfügung“, so Scheller-Kreinsen.
Dabei zeigt der Personalaufbau deutliche Unterschiede je nach Qualifikationsniveau: Zwischen 2019 und 2024 wuchs die Zahl der Pflegefachkräfte mit abgeschlossener Fachausbildung in den somatischen Krankenhäusern um 10 Prozent, während die Zahl der Pflegehilfskräfte um 75 Prozent zunahm. Zu dieser Gruppe zählen unter anderem Kranken- und Altenpflegehelfer:innen, aber auch Beschäftigte aus sonstigen Berufen oder Personen ohne Berufsausbildung.
Ungleichmäßiges Wachstum des Pflegepersonals zwischen den Sektoren
Die Analyse des Wissenschaftliches Institut der AOK zeigt, dass die Einführung des Pflegebudgets zu einem deutlichen Anstieg von Altenpflegekräften in Krankenhäusern geführt hat: Die Zahl der ausgebildeten Altenpflegekräfte in Kliniken hat sich seit 2019 2,5-fach erhöht. Demgegenüber ist das Wachstum der Vollkräfte in Pflegeheimen und ambulanten Pflegediensten seit Einführung des Pflegebudgets deutlich langsamer verlaufen als zuvor. Zwischen 2009 und 2019 stieg die Zahl der Vollkräfte im Jahresdurchschnitt um 2,6 Prozent in Pflegeheimen und 5,4 Prozent in der ambulanten Pflege, während der Zuwachs von 2019 bis 2023 nur noch 0,8 Prozent beziehungsweise 2,0 Prozent pro Jahr betrug. Auch bei den Fachkräften zeigt sich diese Divergenz: In Krankenhäusern nahm ihre Zahl zwischen 2019 und 2023 um 6,7 Prozent zu, in Pflegeheimen sank sie, und in der ambulanten Pflege betrug der Zuwachs lediglich 1,7 Prozent.
„Anders als im Krankenhausbereich ging dieser Rückgang des Wachstums im Bereich der Langzeitpflege nicht mit einer sinkenden Zahl der zu versorgenden Menschen einher. Das Wachstum des Pflegepersonals verteilt sich also zunehmend ungleich auf die Sektoren“, so David Scheller-Kreinsen. Der demografische Wandel verschärfe die Situation absehbar zusätzlich. „Der Anstieg von Pflegebedürftigkeit trifft auf ein sinkendes Arbeitskräfteangebot. Damit wird ein effizienter Einsatz des Pflegepersonals gerade mit Blick über die Sektorengrenzen hinweg künftig noch entscheidender“, erläutert Scheller-Kreinsen.
Keine Verbesserung bei der Einhaltung der Pflegepersonaluntergrenzen
Trotz des deutlichen Personalaufbaus in den Krankenhäusern hat sich die Einhaltung der Pflegepersonaluntergrenzen (PpUG) nicht verbessert. Die PpUG legen fest, wie viele Patient:innen pro Schicht von einer Pflegekraft betreut werden sollen, und dienen dem Schutz vor Personalmangel. Während 2021 noch 13,4 Prozent aller Schichten diese Vorgaben nicht erfüllten, stieg der Anteil 2022 und 2023 auf über 15 Prozent. Im Jahr 2024 sank er leicht auf 14,3 Prozent.
Budgetverhandlungen zwischen Kassen und Kliniken deutlich verlangsamt
Ein weiterer Befund des Wissenschaftliches Institut der AOK-ePapers betrifft die gestiegene Komplexität des Abrechnungssystems durch das Pflegebudget. Die Einführung des Budgets hat die Budgetverhandlungen zwischen Krankenkassen und Kliniken spürbar verzögert: Ende Oktober 2025 lagen erst für 41 Prozent der deutschen Kliniken die Budgetvereinbarungen für 2025 vor. Selbst für 2023 war bei 14 Prozent der Kliniken noch keine Einigung erzielt worden.
Darüber hinaus waren mehrfach Korrekturen zwischen DRG-System und Pflegebudget notwendig, um Doppelfinanzierungen zu vermeiden. In den Jahren 2021 bis 2023 beliefen sich diese sogenannten Bereinigungen auf ein Volumen von 775 Millionen Euro.
Das vielleicht größte Problem des Pflegebudgets ist aber, dass das Prinzip der Selbstkostendeckung dringend notwendige Veränderungen der Krankenhausstrukturen wie beispielsweise eine stärkere Ambulantisierung von Leistungen hemmt“, so das Fazit von WIdO-Geschäftsführer David Scheller-Kreinsen.
„Krankenhäuser, die aufgrund von Strukturveränderungen Pflegepersonal abgeben müssen, haben keinen finanziellen Anreiz, dies zu tun. Dabei bräuchten wir angesichts des Fachkräftemangels im Bereich der Pflege dringend einen effizienteren und gut austarierten Einsatz des Pflegepersonals.“ Die Analyse zeige, dass eine Weiterentwicklung der Finanzierung der Pflege im Krankenhaus und eine Ablösung der Selbstkostendeckung notwendig seien.
Originalpublikation:
Corinna Hentschker, Carina Mostert-Brenck, David Scheller-Kreinsen: Das Pflegebudget: eine empirische Zwischenbilanz. WIdO e-Paper 6. Berlin 2026.
DOI: 10.4126/FRL01-006527042
Zur Pressemitteilung: https://www.wido.de/news-presse/pressemitteilungen/2026/pflegebudget-im-krankenhaus/

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