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Pflege als Gemeinschaftsaufgabe: KU forscht an neuen Modellen integrierter Versorgung in Europa
Der Anteil älterer Menschen in Europa wächst stetig – und mit ihm der Bedarf an Pflege und Unterstützung. Gleichzeitig stehen viele Versorgungssysteme vor der Herausforderung, medizinische Betreuung, Pflegeleistungen und soziale Unterstützung nahtlos miteinander zu verzahnen. Genau hier setzt das internationale Forschungsprojekt an, an dem ein Team der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt (KU) beteiligt ist. Das EU-geförderte Projekt „Building collaborative person-centred integrated care through co-creation“ (BUILD) untersucht, wie Langzeitpflege konsequent am individuellen Bedarf der Menschen ausgerichtet und effektiv zwischen den verschiedenen Akteuren koordiniert werden kann.
Am Projekt sind neun internationale Partnerorganisationen aus sechs europäischen Ländern beteiligt. Die Koordination übernimmt die Universität Bayreuth, weitere Partner sind unter anderem die Lisbon School of Economics & Management, die Karlsuniversität Prag, die Karl Landsteiner Privatuniversität für Gesundheitswissenschaften sowie Institutionen aus Portugal, Spanien und Dänemark. Von Seiten der KU engagiert sich Prof. Dr. Jürgen Zerth, Professor für Management in Einrichtungen des Sozial- und Gesundheitswesens, gemeinsam mit seinen wissenschaftlichen Mitarbeitenden Michaela Schneider, Amrei Mehler-Klamt und Sebastian Müller aktiv im Konsortium.
BUILD untersucht, wie integrierte Versorgungssysteme in der Langzeitpflege älterer Menschen so gestaltet werden können, dass sie sich konsequent an den komplexen Bedürfnissen und konkreten Lebensrealitäten der Betroffenen orientieren. „Wir haben uns damit einem Thema zugewandt, das einerseits ein Klassiker ist, andererseits aber bislang nicht richtig vorangekommen ist“, erklärt Jürgen Zerth. Ausgangspunkt sei eine ähnliche Problematik in verschiedenen europäischen Staaten: „In vielen sozialen Sicherungssystemen, insbesondere im Gesundheitswesen und speziell der Langzeitpflege, ist die Struktur sehr fragmentiert.“ Zudem werde bislang zu wenig untersucht, wie sich die Fragmentierung aus der Perspektive der direkt Beteiligten erklären lässt, um daraus konkrete Managementimplikationen abzuleiten.
Der Ansatz des BUILD-Projekts ist, Pflege nicht primär von den Institutionen her zu betrachten, sondern von den Bedürfnissen der betroffenen Menschen in Sorgekontexten. Im Mittelpunkt steht das Konzept der personenzentrierten integrierten Versorgung, wie Sozialökonom Zerth erläutert: „Das bedeutet, vor allem aus den Bedarfslagen der Klientinnen und Klienten im Zusammenhang mit den konkreten Pflegebeziehungen zu denken und dabei nicht nur medizinische und pflegerische, sondern auch soziale Aspekte zu berücksichtigen, im Sinne eines möglichst selbstständigen und selbstbestimmten Lebens.“ Gesundheits- und Sozialfachkräfte arbeiten eng mit den Menschen zusammen, die Unterstützung benötigen, und beziehen dabei systematisch An- und Zugehörige ein. Ziel ist es, Pflege- und Unterstützungsleistungen effizient zu koordinieren und Versorgungsbedarfe noch gezielter und passgenauer zu erfüllen.
Ein zentrales Analyseinstrument des Projekts sind die sogenannten „care-triads“. Sie bilden drei zentrale Rollen ab, die typische Sorgekonstellationen darstellen: die pflegebedürftige Person, pflegende An- und Zugehörige sowie professionell eingebundene Fachkräfte wie Pflegefachpersonen oder Ärztinnen und Ärzte. Dieses Beziehungsgefüge ist besonders in der Langzeitpflege entscheidend, da viele Entscheidungen gemeinsam getroffen werden und die Versorgungsqualität stark von der Zusammenarbeit aller Beteiligten abhängt.
Ein wirkungsvoller Ansatz setzt daher auf partnerschaftliche Kommunikation und Kooperation, um Belastungen zu reduzieren und die Versorgung optimal an den Bedürfnissen der Betroffenen auszurichten. Durch die Analyse solcher konkreten Pflegebeziehungen in unterschiedlichen europäischen Ländern wollen die Forschenden herausarbeiten, welche Faktoren eine gute Versorgung fördern und wo Hindernisse bestehen.
Die KU übernimmt im Konsortium zwei zentrale Aufgaben. Zunächst hat das Team in Eichstätt die internationale Fachliteratur der vergangenen zehn Jahre umfassend analysiert. Ziel war es, herauszufinden, welche Formen personenzentrierter, integrierter Versorgung in der Forschung bereits untersucht wurden, dargestellt durch einen relationalen Ansatz zur Abbildung von Sorge-Ökosystemen. Darauf aufbauend entwickelt das Team nun Typen von Versorgungsökosystemen, die unterschiedliche Pflegearrangements und die relevanten Sorgebeziehungen abbilden – von häuslicher Unterstützung über Übergänge zwischen Krankenhaus und Zuhause bis hin zu community-basierter Betreuung im sozialen Umfeld.
Ein weiterer Schwerpunkt liegt auf der Analyse realer Pflegearrangements in mehreren europäischen Ländern. In Österreich, Dänemark, Tschechien und Portugal haben die Projektpartner jeweils Konstellationen untersucht, in denen ältere Menschen gemeinsam mit Angehörigen und professionellen Pflegekräften Versorgung organisieren. Das Eichstätter Team kombiniert diese Fallstudien mit den entwickelten Ökosystemtypen, um Musterfälle zu identifizieren. Dabei werden insbesondere relevante Attribute isoliert, die Hinweise für eine zielführende Gestaltung personenzentrierter Pflege liefern.
In einem nächsten Schritt fließen die Ergebnisse in einen Social-Return-on-Investment-Ansatz (SROI) ein, der sowohl wirtschaftliche als auch gesellschaftliche Effekte sozialer Maßnahmen bewertet. Ziel ist es, auf dieser Basis konkrete Handlungsempfehlungen abzuleiten.
Das Projekt läuft noch bis Februar 2027. In der letzten Phase sollen die Erkenntnisse des Konsortiums in ein „BUILD-Framework“, eine digitale Toolbox für die Praxis, einfließen. „Dort sollen Institutionen und Einrichtungen Hinweise zur personenzentrierten integrierten Versorgung und zu empfehlenswerten Ansätzen finden“, sagt Zerth. Die Idee sei, erfolgreiche Beispiele sichtbar und in ganz Europa nutzbar zu machen. „Wir bauen darauf, dass unser von unten kommender Ansatz nach dem personenzentrierten Prinzip über nationale Unterschiede hinweg anwendbar ist.“ Denn trotz sehr unterschiedlicher Pflegesysteme stünden europäische Gesellschaften vor ähnlichen Herausforderungen. Die Erkenntnisse aus dem BUILD-Projekt sollen daher nicht nur wissenschaftliche Debatten bereichern, sondern praktische Orientierung für Einrichtungen, Kommunen und politische Entscheidungsträger bieten und künftig als Blaupause weiterentwickelt werden, wünscht sich Jürgen Zerth.
Wissenschaftlicher Ansprechpartner:
Prof. Dr. Jürgen Zerth

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