Hans Peter Köllner, Daniela Nitschinger und Theresa Amon

facultas, Wien 2026, 178 Seiten, 28,90 €, ISBN 978-3-7089-2635-3, E-ISBN 978-3-99180-027-9

Mit dem Werk „Schulgesundheitspflege“ greifen Hans Peter Köllner, Daniela Nitschinger und Theresa Amon ein Thema auf, das im deutschsprachigen Raum zunehmend an Bedeutung gewinnt. Im Mittelpunkt stehen die professionelle pflegerische Versorgung, Beratung, Gesundheitsförderung und Prävention im Lebensraum Schule und Kindergarten. Ausgangspunkt ist die Annahme, dass Gesundheit, Bildungsteilhabe und soziale Gerechtigkeit eng miteinander verbunden sind. Kinder und Jugendliche verbringen einen großen Teil ihres Alltags in Bildungsinstitutionen; gesundheitliche Belastungen, chronische Erkrankungen, psychische Krisen, soziale Benachteiligung oder Gewaltgefährdungen werden dort sichtbar und beeinflussen Lern- und Entwicklungschancen unmittelbar.

Das Buch versteht Schulgesundheitspflege nicht als ergänzende Erste-Hilfe-Funktion, sondern als eigenständiges pflegerisches Handlungsfeld an der Schnittstelle von Bildungs-, Gesundheits- und Sozialsystem. Gesundheit soll im Setting Schule und Kindergarten gefördert, Krankheit vorgebeugt und Gesundheitskompetenz gestärkt werden. Als Zielgruppen werden insbesondere Gesundheits- und Krankenpfleger:innen, fachlich Interessierte sowie Entscheidungsträger:innen angesprochen.

Die Autor:innen sind fachlich eng im Bereich Pflegewissenschaft, Gesundheits- und Krankenpflege sowie akademischer Pflegebildung verankert. Hans Peter Köllner ist FH-Professor an der Hochschule Campus Wien, Leiter des Studienbereichs Gesundheits- und Krankenpflege und stellvertretender Studiengangsleiter Gesundheits- und Krankenpflege. Daniela Nitschinger ist stellvertretende Leiterin des Studienbereichs Gesundheits- und Krankenpflege und Senior Lecturer an der Hochschule Campus Wien. Theresa Amon ist ebenfalls Senior Lecturer und stellvertretende Studienprogrammleiterin mehrerer Masterprogramme, darunter Advanced Nursing Counseling, Advanced Nursing Education, Advanced Nursing Practice und Pflegepädagogik. Damit schreiben die Autor:innen nicht aus einer rein theoretischen Außenperspektive, sondern aus einem akademisch-professionsbezogenen Kontext heraus. Besonders relevant ist zudem, dass das Zertifikatsprogramm „Schulgesundheitspflege – School Health Nursing“ vom Department Angewandte Pflegewissenschaft der Hochschule Campus Wien entwickelt und mit der Campus Wien Academy angeboten wird. Fachlich benachbarte Publikationen bestehen unter anderem bei Theresa Amon, die an der Studie „Etablierungsprozess der Schulgesundheitspflege: Eine qualitative Studie mithilfe der Process Theory“ beteiligt war, sowie bei Hans Peter Köllner, der auch zu Pflegetheorien mittlerer Reichweite publiziert hat.

Die Publikation ist deutlich im österreichischen Kontext verankert. Sie nimmt Bezug auf gesetzliche Rahmenbedingungen, professionsbezogene Entwicklungsfragen und die Etablierung von Schulgesundheitspflege in Österreich. Gleichzeitig wird der internationale Hintergrund, insbesondere die US-amerikanische Tradition des School Nursing, als Referenzpunkt herangezogen. Dadurch entsteht ein doppelter Bezugsrahmen. Einerseits wird gefragt, wie Schulgesundheitspflege in Österreich rechtlich, organisatorisch und professionell verortet werden kann und andererseits dient die internationale Entwicklung dazu, das Tätigkeitsfeld fachlich zu legitimieren und zu konturieren. Damit ist das Werk nicht nur als Lehrbuch zu verstehen, sondern auch als professionspolitischer Beitrag. Es argumentiert für die Weiterentwicklung pflegerischer Rollen im Bildungssetting und zeigt, dass Gesundheits- und Krankenpflege dort einen eigenständigen Beitrag zur Versorgungssicherheit, Prävention, Gesundheitskompetenz, Inklusion und Chancengerechtigkeit leisten kann.

Inhaltlich ist das Werk in acht Kapitel sowie ein Abbildungs- und Tabellenverzeichnis gegliedert. Kapitel 1 führt in das Tätigkeitsfeld ein, beschreibt Schulgesundheitspflege als neu zu erschließendes pflegerisches Handlungsfeld und benennt Herausforderungen sowie förderliche Maßnahmen für ihre Etablierung. Kapitel 2 behandelt gesetzliche Rahmenbedingungen, Tätigkeitsprofil, Professionalisierung und Berufsfeldentwicklung. Dabei werden berufsgesetzliche Aspekte, Professionsmerkmale und die historische Entwicklung des School Nursing, insbesondere in den USA, dargestellt. Kapitel 3 widmet sich entwicklungspsychologischen Grundlagen. Erikson, Piaget und Wygotski werden herangezogen, um kindliche und jugendliche Entwicklung für die schulgesundheitspflegerische Praxis einzuordnen. Kapitel 4 nimmt eine familienzentrierte Perspektive ein und stellt unter anderem Bronfenbrenners ökologisches Systemmodell, familienzentrierte Pflege, das Calgary-Familien-Assessment-Modell, das Calgary-Familien-Interventions-Modell sowie das 15-Minuten-Familiengespräch vor. Kapitel 5 arbeitet Schulgesundheitspflege als Schnittstelle zwischen Gesundheits-, Sozial- und Bildungssystem heraus. Thematisiert werden systemische Rahmenbedingungen in Österreich, relevante Akteur*innen, Schnittstellenmanagement, interdisziplinäre Zusammenarbeit und die vermittelnde Funktion der Schulgesundheitspflege. Kapitel 6 konzentriert sich auf Informationsvermittlung, Edukation und Beratung. Es umfasst Beratungstheorien, Gesprächsansätze und Praxisbeispiele zu Asthma bronchiale, Diabetes mellitus Typ 1, mentaler Gesundheit und Mobbingprävention. Kapitel 7 thematisiert Gesundheitsförderung und Prävention. Es bezieht sich auf Bildungseinrichtungen als gesundheitsförderliche Settings, den Zusammenhang von Bildung und Gesundheit, den Life-Course-Approach, den Setting-Ansatz, Partizipation und Präventionskonzepte. Kapitel 8 richtet den Blick auf vulnerable Zielgruppen, darunter Kinder und Jugendliche mit Gewalterfahrungen, chronischen Erkrankungen und psychischen Belastungen. Insgesamt folgt das Buch einer nachvollziehbaren inneren Logik. Es beginnt mit der beruflichen Verortung, führt über theoretische Grundlagen und Systemperspektiven und mündet schließlich in konkrete Handlungsfelder.

Neu und besonders wertvoll ist die konsequente Bündelung eines bislang noch nicht breit etablierten Berufsfeldes in einem deutschsprachigen, österreichisch gerahmten Fachbuch. Das Werk verbindet rechtliche, professionsbezogene, entwicklungspsychologische, familienzentrierte, systemische, beratungsbezogene und präventionsorientierte Perspektiven. Dadurch wird Schulgesundheitspflege nicht auf Akutversorgung im Schulalltag reduziert, sondern als komplexes Handlungsfeld mit Public-Health-, Bildungs- und Pflegebezug verstanden. Besonders überzeugend ist die Darstellung der verbindenden Rolle zwischen Kind, Familie, Schule, Gesundheitssystem, Sozialraum und weiteren Hilfesystemen. Diese Perspektive ist für die deutschsprachige Diskussion wichtig, weil sie das Tätigkeitsfeld aus einer reinen Projektlogik herauslöst und als strukturellen Bestandteil einer gesundheitsförderlichen Bildungslandschaft denkt.

Der Nutzen des Buches liegt vor allem in der systematischen Erstorientierung. Für Pflegefachpersonen, die im Setting Schule oder Kindergarten tätig werden möchten, bietet es einen fachlichen Orientierungsrahmen. Für Lehrende in Pflege- und Gesundheitsstudiengängen eignet es sich als Grundlage für Unterrichtseinheiten zu Schulgesundheitspflege, Community Health Nursing, Gesundheitsförderung, Beratung und Versorgung vulnerabler Zielgruppen. Entscheidungsträger*innen erhalten Argumentationslinien zur professionsbezogenen Einordnung und zur strukturellen Relevanz von School Health Nursing. Auch für Personen, die sich mit Schulgesundheitsfachkräften im deutschsprachigen Raum beschäftigen, ist die Publikation geeignet. Zu beachten ist jedoch, dass der Schwerpunkt klar auf Österreich liegt. Wer eine detaillierte Darstellung deutscher Modellprojekte, bundeslandspezifischer Unterschiede oder konkreter Finanzierungslogiken erwartet, erhält hierfür eher indirekte Anknüpfungspunkte als eine umfassende Bestandsaufnahme.

Das Thema ist insgesamt weit gefasst. Die Autor:innen beschränken sich nicht auf medizinisch-pflegerische Einzeltätigkeiten, sondern beziehen Entwicklungspsychologie, Familienorientierung, Systemtheorie, Beratung, Prävention, Gesundheitsförderung, Kinderschutz, chronische Erkrankungen und psychische Gesundheit ein. Diese Breite ist eine Stärke, weil sie dem komplexen Tätigkeitsprofil der Schulgesundheitspflege gerecht wird. Gleichzeitig führt sie dazu, dass einzelne Themen nur einführend behandelt werden können. Kinderschutz, Mobbingprävention, Suizidalität, Diabetes, Asthma und Schnittstellenmanagement werden sinnvoll angesprochen, jedoch nicht in der Tiefe ausgearbeitet. Das Buch ist daher weniger als abschließendes Praxishandbuch zu verstehen, sondern vielmehr als professionsbezogene Grundlegung.

Das Ziel, praxisnahe Einblicke, wissenschaftliche und theoretische Grundlagen sowie bewährte Konzepte für die Gesundheit im Setting Schule und Kindergarten bereitzustellen, wird weitgehend erreicht. Besonders überzeugend ist die Verbindung theoretischer Modelle mit konkreten schulgesundheitspflegerischen Anforderungen. Die Kapitel zu Beratung, Edukation, Gesundheitsförderung und vulnerablen Zielgruppen zeigen anschaulich, wie breit das Tätigkeitsfeld angelegt ist. Etwas weniger vollständig eingelöst wird der Anspruch hinsichtlich des Kindergartens. Obwohl der Untertitel Schule und Kindergarten gleichermaßen nennt, dominieren in vielen Kapiteln schulische Beispiele, schulische Akteur:innen und der Begriff „School Nurse“. Besonders bei den Praxisbeispielen zu Asthma, Diabetes, Mobbing und mentaler Gesundheit liegt der Fokus klar auf Schüler:innen und Schule, während kindergartenbezogene Umsetzungssituationen weniger ausgearbeitet werden. Für eine mögliche Folgeauflage wäre eine stärkere Differenzierung zwischen Kindergarten, Primarstufe und Sekundarstufe ein fachlicher Mehrwert.

Die Publikation ist übersichtlich aufgebaut. Positiv hervorzuheben sind die Lernergebnisse zu Kapitelbeginn, die klaren Zwischenüberschriften, Tabellen, Abbildungen und Zusammenfassungen. Dadurch erhält das Buch einen didaktischen Charakter, der besonders für Lehre, Weiterbildung und Selbststudium hilfreich ist. Die grafischen Elemente unterstützen das Verständnis zentraler Modelle, etwa bei Bronfenbrenner, den Gesundheitsdeterminanten, Beratungskonzepten oder Aufgabenprofilen der School Nurse. Kleinere redaktionelle Schwächen fallen demgegenüber kaum ins Gewicht, sollten in einer Folgeauflage jedoch behoben werden.

Das Thema ist hochaktuell. Die gesundheitlichen Belastungen von Kindern und Jugendlichen, die Zunahme psychischer Problemlagen, Fragen der Inklusion, chronische Erkrankungen im Schulalltag, Kinderschutz, Gesundheitskompetenz und Bildungsungleichheit machen deutlich, dass Schulen und Kindergärten nicht nur Bildungs-, sondern auch Gesundheitsorte sind. Im Vergleich zu professionspolitischen Positionspapieren, etwa des DBfK zur Schulgesundheitspflege, geht dieses Buch deutlich stärker didaktisch und theoretisch-systematisch vor. Während Positionspapiere vor allem Forderungen, Aufgabenprofile und politische Begründungen verdichten, bietet die vorliegende Publikation ein breiteres Grundlagenwerk für Ausbildung, Weiterbildung und fachliche Orientierung. Gegenüber enger gefassten Arbeiten zur Schulgesundheitspflege, etwa mit Fokus auf Covid-19, Sekundarstufe oder einzelne Modellprojekte, ist dieses Buch breiter angelegt. Es eignet sich daher besonders als Grundlagenpublikation, weniger als vertiefte Evaluation eines konkreten Modellprojekts.

Insgesamt ist „Schulgesundheitspflege“ ein wichtiger und gut strukturierter Beitrag zur fachlichen Etablierung eines zukunftsrelevanten pflegerischen Tätigkeitsfeldes. Das Buch macht sichtbar, dass Gesundheit im Bildungssetting nicht zufällig entstehen darf, sondern professionelle Strukturen, fachliche Zuständigkeiten und interdisziplinäre Kooperation benötigt. Trotz kleiner redaktioneller Schwächen und einer noch ausbaufähigen Kindergartenperspektive bietet die Publikation eine fundierte Grundlage für Pflegefachpersonen, Lehrende, Studierende und Entscheidungsträger*innen, die Schulgesundheitspflege weiterdenken, lehren oder praktisch implementieren möchten.

 

Eine Rezension von Denise Vey, 
M.A. Pflegewissenschaft

Rudolf Likar, Günther Bernatzky, Svetlana Geyrhofer, Bärbl Buchmayr (Hrsg.)

Springer Berlin, Heidelberg, 1. Auflage 2025, 507 Seiten, 49,99 € (Print) / 39,99 € (E-Book), ISBN 978-3-662-68955-4 (Print) / 978-3-662-68956-1 (E-Book)

Mit dem Werk Multimodale Schmerztherapie in der Pflege legen die Herausgebenden ein umfassendes Fachbuch vor, das den Anspruch erhebt, die Vielschichtigkeit moderner Schmerztherapie aus pflegerischer Perspektive systematisch darzustellen. Angesichts der hohen Relevanz von Schmerz als zentrales pflegerisches Phänomen positioniert sich das Buch an der Schnittstelle von medizinischer, pflegerischer und komplementärer Versorgung und verfolgt dabei konsequent einen multiprofessionellen Ansatz.

Bereits beim ersten Zugriff wird deutlich, dass es sich um ein Werk mit erheblichem Umfang und inhaltlicher Tiefe handelt. Das Buch vereint Beiträge aus unterschiedlichen Disziplinen (u.a. Pflege, Medizin, Psychologie, Physiotherapie) und spiegelt damit die Realität multimodaler Schmerztherapie wider. Der thematische Bogen reicht von grundlegenden Überlegungen zur Schmerzentstehung und -wahrnehmung über rechtliche Rahmenbedingungen und Assessmentverfahren bis hin zu spezifischen Interventionsformen in unterschiedlichen Versorgungssettings.

Besonders hervorzuheben ist die inhaltliche Breite des Werkes. Neben klassischen medizinischen und pflegerischen Ansätzen werden zahlreiche komplementäre Verfahren dargestellt, darunter Aromapflege, Akupressur, Entspannungsverfahren, Musiktherapie oder Wickel und Kompressen. Auch technische Verfahren wie TENS oder Lasertherapie finden Berücksichtigung. Ergänzt wird dies durch psychosoziale Ansätze, die etwa Achtsamkeit, Humor oder kommunikative Strategien in den Fokus rücken. Diese Vielfalt trägt dem Anspruch Rechnung, Schmerz nicht als rein physiologisches, sondern als biopsychosoziales Phänomen zu verstehen.

Die wissenschaftliche Fundierung des Buches wird durch die Einbindung aktueller Leitlinien, insbesondere von S3-Leitlinien, sowie durch die Orientierung an pflegerischen Expertenstandards gestützt. Gleichzeitig gelingt es den Autorinnen und Autoren, die theoretischen Grundlagen in einen praxisnahen Kontext zu überführen. Zahlreiche Fallvignetten ermöglichen es, komplexe Zusammenhänge auf konkrete Pflegesituationen zu übertragen und fördern so das Verständnis für die Anwendung im klinischen Alltag.

Auch aus didaktischer Perspektive überzeugt das Werk in weiten Teilen. Die Inhalte sind klar strukturiert und folgen einer nachvollziehbaren Gliederung, die sich von grundlegenden Aspekten über Assessmentverfahren bis hin zu konkreten Interventionen entwickelt. Die einzelnen Kapitel sind konsistent aufgebaut und schließen häufig mit zusammenfassenden Abschnitten sowie weiterführender Literatur. Ein umfangreiches Stichwortverzeichnis erleichtert zusätzlich die gezielte Nutzung als Nachschlagewerk.

Das Layout unterstützt den Wissenstransfer durch den Einsatz von Abbildungen, Tabellen und grafischen Darstellungen. Praktische Anwendungen, etwa die Platzierung von Elektroden oder der Durchführung bestimmter Interventionen, werden durch visuelle Elemente verdeutlicht. Gleichzeitig wirkt die Gestaltung insgesamt eher nüchtern und zurückhaltend, was in Kombination mit der hohen Informationsdichte stellenweise zu einer gewissen textlichen Schwere führen kann.

Insgesamt zeigt sich das Werk als ausgesprochen umfassend und differenziert. Die Verbindung von wissenschaftlicher Fundierung, multiprofessioneller Perspektive und praxisnaher Darstellung gelingt überzeugend. Zugleich stellt die thematische Breite eine Herausforderung dar: Die Vielzahl an Methoden und Ansätzen erfordert von den Leserinnen und Lesern ein gewisses Maß an Vorwissen und die Fähigkeit, die dargestellten Inhalte kritisch einzuordnen – insbesondere im Hinblick auf die unterschiedliche Evidenzlage einzelner Verfahren.

Fazit:
Multimodale Schmerztherapie in der Pflege ist ein umfangreiches und inhaltlich anspruchsvolles Fachbuch, das sich als Standardwerk für die pflegerische Auseinandersetzung mit Schmerz positioniert. Die große Stärke liegt in der konsequenten multiprofessionellen Perspektive und der Verbindung von Theorie und Praxis. Für Pflegefachpersonen, Lehrende und Studierende bietet das Buch eine fundierte Grundlage sowie zahlreiche Anregungen für den klinischen Alltag. Trotz kleinerer Einschränkungen in der gestalterischen Umsetzung überzeugt das Werk insgesamt durch seine inhaltliche Tiefe und systematische Aufbereitung.

Eine Rezension von Simon Ludwig-Pricha

Gesundheit Österreich GmbH (Hrsg.)

Springer Verlag, Berlin, 1. Auflage 2025, 124 Seiten, 42,79 €, ISBN 978-3-662-71837-7, ISBN 978-3-662-71838-4 (eBook)

Der demografische Wandel stellt Gesundheits- und Pflegesysteme in ganz Europa vor wachsende Herausforderungen. Österreich bildet dabei keine Ausnahme, eine alternde Bevölkerung, zunehmende Pflegebedürftigkeit und Versorgungslücken im ländlichen Raum erfordern innovative Lösungen jenseits der klassischen stationären Pflege. Community Nursing setzt genau hier an, als gemeindenahes, präventiv ausgerichtetes Angebot, das älteren Menschen einen möglichst langen Verbleib im eigenen Zuhause ermöglichen und Versorgungslücken schließen soll. Das vorliegende Werk ist im Rahmen eines staatlich geförderten Pilotprogramms entstanden, das zwischen 2022 und 2024 in ganz Österreich umgesetzt wurde. Die Gesundheit Österreich GmbH, eine staatliche Kompetenzstelle für Gesundheit im Auftrag des Bundesministeriums, hat das Projekt koordiniert und verantwortet. Die Beiträge stammen von 26 Autor:innen, vorwiegend Mitarbeitende aus der Gesundheit Österreich GmbH und ergänzt durch externe Expert:innen aus Pflegepraxis, Gesundheitsförderung und Gemeindeentwicklung. Als wissenschaftliche Bilanzierung dieser Pilotphase bündelt das Werk die gewonnenen Erkenntnisse und macht sie einem breiten Fachpublikum zugänglich. Die Veröffentlichung als Open-Access-Publikation unterstreicht dabei die Zielsetzung der möglichst weiten Verbreitung.

Das Buch folgt einem klaren Aufbau, zu Anfang wird die konzeptionelle Verortung von Community Nursing im internationalen Fachdiskurs beschrieben und daraus schrittweise das österreichische Modell abgeleitet. Auf dieser theoretischen Basis werden die wesentlichen Zielgruppen und Handlungsfelder in den Mittelpunkt gerückt, wobei es von der Prävention von Frailty bei älteren Menschen über die Gesundheitsförderung im kommunalen Setting bis hin zur interprofessionellen Zusammenarbeit und den methodischen Grundlagen der Pflege in der gemeindenahen Versorgung reicht. Den Abschluss bildet ein zukunftsorientierter Teil, der Resilienz und Klimafolgen als neuere Herausforderungen für die gemeindenahe Pflege einbezieht und damit den Blick über den gegenwärtigen Versorgungsalltag hinaus weitet.

Der besondere Wert des Buches liegt in seiner Verbindung von Theorie und Praxis. Es ist das erste deutschsprachige Werk, das Community Nursing systematisch im österreichischen Kontext aufbereitet und dabei die Ergebnisse eines real durchgeführten Pilotprogramms integriert. Damit füllt es eine Lücke in der pflegewissenschaftlichen Literatur des deutschsprachigen Raums. Eine starke inhaltliche Breite wird geschaffen, indem pflegewissenschaftliche, public-health-orientierte, sozialräumliche und sozialpolitische Perspektiven miteinander verknüpft werden.

Das Thema ist bewusst weit gefasst, es beschränkt sich nicht auf die pflegerische Versorgung im engeren Sinne, sondern bezieht gesellschaftliche, kommunale und ökologische Zusammenhänge mit ein. So liefert die Auseinandersetzung mit Frailty nicht nur einen Überblick über das Ausmaß von Gebrechlichkeit im europäischen Vergleich, sondern zeigt darüber hinaus konkrete pflegerische Handlungsfelder auf. Die Kapitel zu Caring Communities und dem Konzept der altersfreundlichen Gemeinde bieten praxisnahe Orientierung für alle, die Community Nursing im kommunalen Kontext umsetzen möchten. Ein ganzes Kapitel wird zudem dem Handlungsfeld von Community Nurses hinsichtlich klimabedingter Gesundheitsrisiken gewidmet; ein Thema, das in der Pflegeliteratur bislang wenig systematisch behandelt wurde.

Das benannte Ziel des Buches, Klarheit über das Konzept Community Nursing zu schaffen und eine Diskussionsgrundlage für die Weiterentwicklung im deutschsprachigen Raum zu bieten, wird im Wesentlichen erreicht. Besonders gelungen ist die transparente Darstellung des Pilotprogramms mit konkreten Kennzahlen, die Einordnung des österreichischen Modells in den internationalen Vergleich sowie die konsequente Ausrichtung auf die Verbindung von Prävention und Pflegehandeln. Die Gestaltung ist übersichtlich und der rote Faden durchgehend erkennbar. Abbildungen sind in ausreichendem Maße vorhanden und gut platziert, sodass diese den Textinhalt adäquat unterstützen. Darüber hinaus erhöhen Informationsboxen sowie weiterführende Literaturhinweise am Kapitelende den praktischen Nutzen.

Wünschenswert wäre die Einbeziehung von weiteren konkreten Fallbeispielen aus der Pilotphase gewesen, die gerade für Leser:innen mit praktischem Hintergrund eine wertvolle Ergänzung dargestellt hätten. Offen bleibt zudem die Frage nach künftigen Qualifizierungswegen. Das Buch reflektiert die Praxis der Pilotphase, in der diplomierte Gesundheits- und Krankenpflegende mit Berufserfahrung als Community Nurses eingesetzt wurden und benennt notwendige Zusatzkompetenzen in Bereichen wie Gesundheitsförderung, Assessment und Netzwerkarbeit. Konkrete Empfehlungen für den Aufbau formaler Qualifizierungsprogramme in Österreich werden jedoch nicht genannt, hier bleibt Raum für weiterführende Diskussionen und künftige Entwicklungen. Ähnliches gilt für die langfristige Finanzierung und institutionelle Verankerung von Community Nursing. Wie das Konzept nach dem Auslaufen der Förderung strukturell abgesichert werden soll, wird nicht beantwortet.

Insgesamt ist das vorliegende Buch ein wichtiges und aktuelles Referenzwerk, das die wachsende Bedeutung gemeindenaher Pflege im Gesundheitssystem unterstreicht. Es richtet sich primär an (diplomierte) Gesundheits- und Krankenpflegepersonen, Community Nurses, Lehrende und Studierende der Pflegewissenschaft sowie an Entscheidungsträger:innen in Gemeinden, Sozialhilfeverbänden und Gesundheitspolitik. Wer sich einen fundierten Überblick über Grundlagen, Methoden und aktuelle Entwicklungen des Community Nursing in Österreich verschaffen möchte, kommt an diesem Werk nicht vorbei.

Eine Rezension von Sandra Wöbeking, M.A., B.A.