Pflegewissenschaft · Artikel

Freuen oder Trauern? Das Erleben der Trauerbegleitung auf der Neonatologischen Intensivstation aus Perspektive betroffener Zwillingseltern

Lohmann, J. ; Prof. Dr. Oltersdorf-Steffan, S.

Pflegewissenschaft · 2026 · Heft 2 · S. 56 bis 66 · DOI 10.3936/vx1gjy38

Abstract

Der Verlust eines Zwillingskindes ist eine der schmerzhaftesten Erfahrungen und eine besondere Herausforderung für die Eltern. Wie die Eltern die Trauerbegleitung auf der Neo-ITS erleben und welche Unterstützung sie benötigen, ist das Erkenntnisinteresse vorliegender Arbeit. Um die Eltern in ihrem subjektiven Erleben verstehen zu können, wurde ein halbstandardisiertes Interview und eine Gruppendiskussion mit betroffenen Eltern geführt. Die transkribierten Daten wurden – angelehnt an die Qualitative Inhaltsanalyse – unter Verwendung deduktiver und induktiver Kategorien analysiert. Die Ergebnisse zeigen die ambivalente Gefühlswelt der Eltern zwischen Trauer und Freude – aber auch, wie sie ihr Umfeld in dieser für sie schweren Zeit wahrnehmen und was sie gebraucht hätten.

Zusammenfassung

Der Beitrag untersucht, wie betroffene Zwillingseltern die Trauerbegleitung auf der neonatologischen Intensivstation erleben und welche Unterstützung sie benötigen. Ausgangspunkt ist die besondere Situation eines Zwillingsverlustes: Eltern empfinden zugleich Trauer um das verstorbene Kind und Freude sowie Sorge um das überlebende Kind. Methodisch wurden ein halbstandardisiertes Interview mit einem Elternpaar und eine Gruppendiskussion mit (teil-)verwaisten Eltern ausgewertet; die Transkripte wurden angelehnt an die qualitative Inhaltsanalyse nach Mayring deduktiv und induktiv codiert.

Die Ergebnisse zeigen, dass Eltern die prä- und perinatale Phase häufig als von Unsicherheit, Hilflosigkeit und teils widersprüchlichen medizinischen Aussagen geprägt erleben. Die erste Begegnung mit den Frühgeborenen auf der Neo-ITS wird oft als schockierend beschrieben. In der postnatalen Phase dominieren Angst, Überforderung und Schuldgefühle; zugleich wächst mit der Zeit bei vielen Eltern der Wunsch nach Nähe und aktivem Kontakt zum Kind. Informationen zum Zustand des Kindes werden unterschiedlich bevorzugt: Einige Eltern wünschen eine dosierte, schrittweise Kommunikation, andere eine direkte und vollständige Aufklärung. Insgesamt wird deutlich, dass Eltern in einer ambivalenten Realität zwischen Trauer, Hoffnung und Fürsorge leben.

Für die Trauerbegleitung werden empathische, flexible und multiprofessionell abgestimmte Angebote als zentral beschrieben. Dazu gehören offene Kommunikation, Einbindung von Seelsorge, Unterstützung bei Erinnerungsritualen und konkrete Andenken an das verstorbene Kind. Pflegefachkräfte nehmen dabei eine Schlüsselrolle ein, benötigen aber Schulung und Reflexion, um die Eltern sensibel zu begleiten und auch Risiken komplizierter Trauer früh zu erkennen. Langfristige Nachsorge und familienzentrierte Unterstützungsstrukturen werden als besonders wichtig hervorgehoben.

Schlagwörter

ELTERN; KIND; TRAUER; ERLEBEN; TEAM; TOD; ZEIT; BETREUUNG; LEBEN;