Gewalt und Vernachlässigung können in der häuslichen Pflege in unterschiedliche Richtungen auftreten. Dazu gehören Übergriffe und Vernachlässigung durch pflegende Zugehörige gegenüber pflegebedürftigen Menschen ebenso wie aggressives Verhalten von Pflegebedürftigen gegenüber ihren Angehörigen. Ein multiprofessionelles Forschungsnetzwerk untersucht nun, wie solche Situationen besser erfasst und geeignete Interventionen entwickelt werden können.
Das am 1. Juli 2026 gestartete Verbundprojekt GeViP läuft bis Mitte 2028. Ziel ist die Entwicklung wissenschaftlich abgesicherter und zugleich praxistauglicher Empfehlungen für die Pflegebegutachtung und Pflegeberatung. Durch die Zusammenarbeit verschiedener Fachrichtungen sollen medizinisch-klinische, pflegewissenschaftliche und sozialraumbezogene Aspekte gleichermaßen berücksichtigt werden.
Fünf Institutionen bringen ihre Expertise ein
Die Koordination des Verbundprojekts liegt bei der Robert Bosch Gesellschaft für Medizinische Forschung mbH. Projektleiter ist Dr. Klaus Pfeiffer.
Beteiligt sind außerdem die Katholische Hochschule Freiburg mit dem Bereich Pflegewissenschaft, vertreten durch Prof. Dr. Nadine Konopik, sowie die Fakultät für Sozialwesen der Technischen Hochschule Mannheim unter Beteiligung von Prof. Dr. Martina Schäufele.
Die interdisziplinäre Alternswissenschaft der Goethe-Universität Frankfurt am Main ist durch Prof. Dr. Frank Oswald vertreten. Ihr Schwerpunkt liegt auf dem Wohnen und den Lebenswelten älterer Menschen. Als fünfter Partner beteiligt sich der Bereich Soziale Arbeit und Gesundheit der Frankfurt University of Applied Sciences, vertreten durch Prof. Dr. Anna Schwedler-Allmendinger.
Dreistufiges methodisches Vorgehen
Das Forschungsprojekt gliedert sich in drei methodische Phasen. Während des ersten Projektjahres führt das Studienteam zwei systematische Literaturreviews durch. Dabei werden international eingesetzte Verfahren zur Erkennung von Gewalt sowie bestehende Interventionsansätze ausgewertet.
Ergänzend untersuchen Onlinebefragungen und qualitative Interviews die Erfahrungen und Einschätzungen von Akteurinnen und Akteuren aus der Praxis. Im Mittelpunkt stehen die gesetzlichen Rahmenbedingungen der Pflegebegutachtung durch die Medizinischen Dienste nach §§ 18a und 18b SGB XI, die Beratungsbesuche gemäß § 37 Abs. 3 SGB XI sowie die Pflegeberatung nach §§ 7a und 7c SGB XI.
Auf Grundlage der gewonnenen Erkenntnisse entwickelt das Forschungsteam konkrete Maßnahmenvorschläge für die Praxis. Berücksichtigt wird dabei auch die für Januar 2028 vorgesehene Einführung einer neuen Pflegebegleitung im Zuge des Pflegeneuordnungsgesetzes.
Empfehlungen werden in Gruppendelphis überprüft
Um die fachliche Tragfähigkeit und praktische Umsetzbarkeit der Vorschläge zu prüfen, werden diese in settingspezifischen Gruppendelphis durch Expertinnen und Experten bewertet. Das strukturierte, mehrstufige Befragungsverfahren dient dazu, die Entwürfe unmittelbar mit Blick auf die jeweiligen Praxisfelder wissenschaftlich zu validieren.
Ein anschließender Vernetzungsworkshop soll dazu beitragen, Schnittstellen zwischen den beteiligten Bereichen zu verbessern. Danach werden die abschließenden Handlungsempfehlungen veröffentlicht. Mit den erarbeiteten Leitlinien möchte das Verbundprojekt dazu beitragen, Überlastungssituationen frühzeitig zu erkennen und personelle Unterstützung im häuslichen Pflegeumfeld strukturell abzusichern.
Prof. Dr. Nadine Konopik
Zur Pressemitteilung: https://www.kh-freiburg.de/de/hochschule/news/2026/07-15-forschung-gewalt-in-pflege
Foto: stock.adobe.com – Dragana Gordic
Ihr Update für die
Pflegeforschung
Vertiefen Sie Ihr Fachwissen mit einem Abo der Zeitschrift Pflegewissenschaft: aktuelle Forschung, praxisrelevante Erkenntnisse und Online-Zugang zum kompletten Archiv seit der ersten Ausgabe.