In Niedersachsen beginnen die ersten „Gemeinsamen Modellvorhaben“ zur Weiterentwicklung der pflegerischen Versorgung. Die Landkreise Grafschaft Bentheim und Emsland haben vom Land Niedersachsen die Bewilligungsbescheide erhalten. Damit können die Projekte am 1. September 2026 starten.
Ziel der Vorhaben ist es, die Versorgung und Betreuung pflegebedürftiger Menschen zu verbessern und pflegende Angehörige stärker zu unterstützen. Sozialminister Dr. Andreas Philippi begrüßt insbesondere die Verbindung verschiedener Ansätze im Case- und Care-Management.
„Es freut mich sehr, dass wir mit dieser neuen Förderung einen wichtigen Beitrag leisten können, damit sich die pflegerische Versorgung in den niedersächsischen Kommunen weiterentwickelt“, sagte Philippi. Im Emsland und in der Grafschaft Bentheim würden neue Versorgungsansätze zu einem Gesamtkonzept zusammengeführt. Dadurch solle die Verantwortung auf mehrere Schultern verteilt und Angehörige entlastet werden.
„Fachkräfte, Angehörige und die Nachbarschaft kümmern sich so gemeinsam um die Menschen, die Hilfe benötigen. Dabei werden durch Casemanagement und Digitalisierung die verschiedenen Versorgungsbereiche und Akteurinnen und Akteure miteinander vernetzt“, so der Minister.
Land und Pflegekassen finanzieren Projekte gemeinsam
Grundlage ist eine Förderrichtlinie für „Gemeinsame Modellvorhaben“ nach § 123 SGB XI. Land Niedersachsen sowie gesetzliche und private Pflegekassen stellen gemeinsam Mittel für Projekte bereit, die die Lebensqualität Pflegebedürftiger und ihrer Angehörigen verbessern. Ein Schwerpunkt liegt auf der Stärkung von Quartiers- und Dorfgemeinschaften sowie auf der Beteiligung verschiedener Akteur:innen vor Ort.
Die Modellvorhaben werden wissenschaftlich begleitet. Dadurch soll überprüft werden, wie wirksam die entwickelten Ansätze sind und ob sie sich in die Regelversorgung übertragen lassen. Das Land stellt in den kommenden Jahren jährlich gut zwei Millionen Euro bereit; die gesetzlichen und privaten Pflegekassen beteiligen sich in gleicher Höhe.
Für die Grafschaft Bentheim sind zunächst rund 785.000 Euro vorgesehen, für den Landkreis Emsland rund 946.000 Euro. Die Förderung läuft zunächst bis Ende 2028 und kann bis 2029 verlängert werden.
Weitere Anträge aus anderen Regionen Niedersachsens liegen dem Land und den Pflegekassen vor und werden derzeit geprüft. Die Modellvorhaben sind Teil der Konzertierten Aktion Pflege Niedersachsen (KAP.Ni). Unterstützung bei der Entwicklung und Umsetzung bietet das Projektbüro Komm.Care der Landesvereinigung für Gesundheit. Es wird aus Landesmitteln finanziert und arbeitet an einer Weiterentwicklung der Pflegeberichterstattung sowie an einer kommunalen Versorgungsplanung.
Sorgende Gemeinschaften und koordinierte Versorgung
Die beiden Landkreise verfolgen mit ihren Projekten den Aufbau sogenannter „Connected Caring Communities“. Dabei sollen ehrenamtliche Unterstützungsstrukturen mit professionellen Angeboten verbunden werden.
Pflegebedürftige Menschen und ihre Angehörigen erhalten ein individuelles Case-Management. Expert:innen koordinieren dabei Leistungen aus Pflege, Medizin und sozialen Unterstützungsangeboten. Ineffektive Parallelstrukturen und Informationsverluste zwischen verschiedenen Anbietern sollen so vermieden werden.
Ergänzend werden Maßnahmen zur Gesundheitsförderung, zur Förderung des freiwilligen Engagements und zur besseren Vereinbarkeit von Pflege und Beruf erprobt. Eine weitere Säule bildet die Digitalisierung. Eine spezielle Software soll die Versorgungssteuerung unterstützen und den Aufbau einer integrierten Pflege- und Sozialplanung ermöglichen.
„Das Case- und Care-Management hat sich in den vergangenen Jahren in unserer Region etabliert und ist ein Erfolgsprojekt“, erklären die Landräte Uwe Fietzek (Grafschaft Bentheim) und Marc-André Burgdorf (Emsland). Die Landesförderung sei eine Anerkennung der bisherigen Arbeit und ermögliche es, das bestehende Angebot konzeptionell weiterzuentwickeln und auszuweiten.
Mehr als 36.000 Pflegebedürftige sollen profitieren
Beide Landkreise haben bereits früh begonnen, ihre pflegerischen Strukturen auszubauen. Nach dem Modellprojekt „Regionales Pflegekompetenzzentrum“ (ReKo) finanzierten sie ein dezentrales Case-Management an den Senioren- und Pflegestützpunkten. Dieses Angebot ist auf Gemeindeebene angesiedelt und soll nun zu einem umfassenden Konzept für den gesamten Versorgungsbereich weiterentwickelt werden.
„Unser Ziel ist es, Pflegebedürftige und ihre Angehörigen künftig noch besser durch das komplexe System aus Pflege, Medizin und sozialen Unterstützungsangeboten zu begleiten“, so Fietzek und Burgdorf. Gerade in schwierigen Versorgungssituationen müssten Haus- und Facharztpraxen, Krankenhäuser, Sozialdienste und ehrenamtliche Angebote eng zusammenarbeiten. Die notwendige Unterstützung solle möglichst koordiniert aus einer Hand erfolgen.
In der Grafschaft Bentheim leben mehr als 11.000 pflegebedürftige Menschen, im Landkreis Emsland rund 25.750. In beiden Regionen wird jeweils mehr als die Hälfte der Pflegebedürftigen von Angehörigen ohne Unterstützung durch ambulante Pflegedienste zu Hause versorgt.
Erfahrungen aus dem ReKo-Projekt
Das Konzept des Case- und Care-Managements wurde in der Region erstmals im Modellprojekt „ReKo“ entwickelt, erprobt und wissenschaftlich ausgewertet. Das Projekt startete 2019 in der Grafschaft Bentheim und im Emsland. Initiator und Träger war die Gesundheitsregion EUREGIO e. V.; beteiligt waren unter anderem die Universität Osnabrück, die DAK-Gesundheit sowie weitere regionale Partner und die beiden Landkreise.
Die Evaluation zeigte, dass die Beratungszahlen durch ReKo deutlich stiegen. Zudem wurde die Versorgung nach den Ergebnissen sicherer und stärker am individuellen Bedarf ausgerichtet. Viele Pflegebedürftige konnten länger in ihrer häuslichen Umgebung bleiben. Nach dem Ende der Förderung aus dem Innovationsfonds übernahmen die Kommunen die Finanzierung der dezentralen Case-Management-Strukturen vorübergehend selbst.
Mit den nun startenden „Gemeinsamen Modellvorhaben“ soll auf diesen Erfahrungen aufgebaut und ein umfassendes, digital unterstütztes Versorgungsmodell für die Region etabliert werden.