Täglich werden in Deutschland fast 50.000 Menschen mit Demenz in Krankenhäusern behandelt. Viele von ihnen zeigen sogenanntes herausforderndes Verhalten, etwa Unruhe mit Hin- und Weglauftendenzen, häufiges Rufen oder abwehrendes und aggressives Verhalten bei Untersuchungen und Behandlungen. Für Pflegefachpersonen ist der Umgang damit häufig mit zusätzlichem Stress verbunden. Das Projekt Skills4Dem entwickelt deshalb digitale Lern- und Unterstützungsangebote für den Krankenhausalltag.
Das Saarbrücker Institut für Sozialforschung und Sozialwirtschaft (iso) arbeitet dabei mit der EUROKEY Software GmbH zusammen. Das Vorhaben wird vom Bundesministerium für Wirtschaft und Energie gefördert. Im Rahmen der Welt-Alzheimerwoche wird ein erster Prototyp des Systems der Fachöffentlichkeit vorgestellt.
Digitale Lernmodule für den Arbeitsalltag
Aufgrund des demografischen Wandels behandeln Krankenhäuser zunehmend ältere Menschen mit komplexem Unterstützungsbedarf. Vier von fünf Patient:innen mit Demenz zeigen nach Angaben des Projekts herausforderndes Verhalten. Eskalative Situationen können für Betroffene, Angehörige und Beschäftigte belastend sein und sich auf Patientensicherheit und Versorgungsqualität auswirken.
Skills4Dem soll Pflegefachpersonen dabei unterstützen, die Hintergründe solcher Verhaltensweisen besser zu verstehen und professionell darauf zu reagieren. Dafür entstehen kurze, anschauliche und interaktive Lernmodule. Sie vermitteln Wissen über die komplexen Ursachen und Zusammenhänge herausfordernden Verhaltens und berücksichtigen die besonderen Bedingungen des Krankenhausalltags.
Die Inhalte werden mit der kostenfreien Open-Source-Lernumgebung Moodle entwickelt. Krankenhäuser und andere Institutionen sollen die Module in ihre eigenen Lernumgebungen integrieren und bei Bedarf erweitern können. Künstliche Intelligenz wird eingesetzt, um die Lerninhalte visuell und didaktisch aufzubereiten sowie in weitere Sprachen zu übertragen.
Ergänzend entwickelt EUROKEY eine digitale App. Sie soll Pflegefachpersonen in konkreten Belastungssituationen schnell zugängliche und praxisnahe Hilfestellungen bieten. Die relevanten Inhalte werden damit auch mobil verfügbar sein. Lernmodule und App entstehen in mehreren Sprachen und richten sich dadurch auch an Beschäftigte, deren Muttersprache nicht Deutsch ist.
Prototyp „Menschen mit Demenz verstehen“
In der Welt-Alzheimerwoche wird das erste Lernmodul „Menschen mit Demenz verstehen“ vorgestellt. Dr. Sabine Kirchen-Peters vom iso-Institut und Ludwig Kuhn von EUROKEY präsentieren den Prototyp am 24. September 2026 beim Internationalen Demenzkongress Saar-Lor-Lux in Saarlouis. Am 25. September stellt Prof. Dr. Claudia Eckstein vom iso-Institut das Konzept beim Gerontologie- und Geriatrie-Kongress 2026 in Frankfurt vor.
Das zehn- bis 15-minütige Modul vermittelt Grundlagen zum Krankheitsbild Demenz und nimmt die Erlebenswelt der Betroffenen in den Blick. Nutzer:innen lernen zentrale Formen, Ursachen und typische Symptome kennen und setzen sich mit biographischen und psychosozialen Zusammenhängen auseinander.
Im klinischen Pflegealltag können Wahrnehmung, Orientierung und Kommunikationsfähigkeit von Menschen mit Demenz deutlich verändert sein. Verhalten und Reaktionen sind dann nicht immer leicht einzuordnen, insbesondere wenn Bedürfnisse und Empfindungen nicht unmittelbar ausgedrückt werden können. Vergessen, Verwirrtheit, Orientierungslosigkeit und herausforderndes Verhalten werden im Modul nicht ausschließlich als Störungen betrachtet, sondern auch als mögliche Ausdrucksformen einer veränderten Wahrnehmung, Interaktion und Kommunikation.
Ziel ist es, Pflegefachpersonen mehr Sicherheit zu geben, damit sie Menschen mit Demenz auch in herausfordernden Situationen in Diagnostik, Behandlung und Pflege geschützt, würdevoll und professionell begleiten können.
Sieben weitere Module geplant
Neben dem ersten Prototyp entwickelt das Projektteam sieben weitere Lernmodule:
- „Medizinische Grundlagen vertiefen“
- „Menschen mit Demenz bei Schmerzen unterstützen“
- „Menschen mit Demenz vor Delir schützen und mit Delir begleiten“
- „Förderung der Orientierung durch demenzsensible Umgebungsgestaltung“
- „Multiple Auslöser von Unruhe bei Menschen mit Demenz erkennen und bearbeiten“
- „Menschen mit Demenz aktivieren und sinnstiftend beschäftigen“
- „Menschen mit Demenz durch Angehörigenarbeit besser verstehen und zielführend unterstützen“
Das iso-Institut identifiziert die fachlichen Inhalte und bereitet sie didaktisch auf. Zusätzlich untersucht es mit Unterstützung externer Fachgruppen die wissenschaftliche Qualität und Praxistauglichkeit der digitalen Anwendungen. In der Transferphase sollen auch die Auswirkungen des Systems auf die Patientensicherheit und die Entlastung der Pflegenden im Krankenhaus betrachtet werden.
Nach Projektende im Dezember 2027 sollen die Lernmodule und die App den Akutkrankenhäusern im Saarland kostenfrei zur Verfügung stehen.
E-Mail: kirchen-peters@iso-institut.de
Zur Pressemitteilung: https://idw-online.de/de/news877804