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Ethik in der letzten Lebensphase

Palliative Care und Hospiz im Spannungsfeld von Tun und Lassen
14. Juli 2026 durch
Ethik in der letzten Lebensphase
Franziska Reuther

Autor/innen:
Heike Walper

Bibliographische Daten:
Vandenhoeck & Ruprecht Verlage, Göttingen 2026, 149 Seiten, 23,00 €, ISBN 978-3-525-40887-2 (print)

Rezensent/in:
Manfred Kunkel,
Bachelor of Arts Pflegemanagement, Pflegefachperson, Notfallsanitäter


Aus dem demografischen Wandel, medizinischen Fortschritt und steigenden gesundheitsökonomischen Spannungen im Gesundheitswesen entstehen zunehmend  ethische Fragestellungen. Unter den genannten Aspekten rücken ethische Fragestellungen auch am Lebensende in den Fokus. Heike Walper nimmt diese auf und erläutert sie im Spannungsfeld von Tun oder Lassen. Walper, M. Sc. Palliative Care, ist, als Pflegefachperson für Palliativpflege, Pflegedienstleitung eines Münchener Hospiz und Ethikberaterin im Gesundheitswesen tätig. Als Autorin hat sie zuvor bereits Bücher und Fachartikel im Themenfeld Palliative Care veröffentlicht. Das aktuelle Werk ist in der Buchreihe „Edition Leidfaden – Begleiten bei Krisen, Leid, Trauer“ erschienen, welche Grundlagen zu wichtigen Einzelthemen und Fragstellungen für Tätige in der Begleitung, Beratung und Therapie von Menschen in Krisen, Leid und Trauer bearbeiten.

Die Autorin führt in die Lebenswelt sterbender Menschen ein, indem sie auf die Frage eingeht, wann Sterben beginnt. Bereits hier wird klar, warum Tun zumeist einfacher ist als Lassen. Es bedarf demnach unterschiedlicher Perspektiven, wobei Walper diese sowohl aus der Außenperspektive der Zurückbleibenden beleuchtet als auch die Innenperspektive der Sterbenden aufnimmt, beispielsweise aus der religiösen oder spirituellen Sichtweise. Sie zeigt auf, welche Besonderheiten die verschiedenen Lebensorte der letzten Lebensphase beinhalten, warum das Menschenbild des vulnerablen und angewiesenen Menschen gerade auf die letzte Lebensphase zutrifft und welche Copingstrategien hier einfließen. Ethiktheorien, Werte und Begrifflichkeiten, wie Moral, Autonomie und Würde runden den theoretischen Teil ab, bevor auf mögliche Spannungsfelder in der Praxis eingegangen wird. Anhand praktischer Beispiele skizziert die Verfasserin die zugrunde liegenden Theorien. An dargestellten Dilemmata bietet Heike Walper unterschiedliche Methoden und Modelle zur ethischen Reflexion an. Diese reichen von der kollegialen Beratung über die ethische Reflexion bis zu moderierten Fallbesprechungen ganzer interprofessioneller Teams mittels Nimwegener Modell, KRISE nach Gerhard oder 7-Schritte-Dialog zur ethischen Entscheidungsfindung. Abschließend widmet sich Walper dem Thema des moralischen Stresses in Gesundheitsfachberufen und bei pflegenden Zu- und Angehörigen.

Heike Walper erörtert anhand von Fallbeispielen praxisnah Dilemmata in der Begleitung von Menschen in deren letzter Lebensphase, die im Spannungsfeld von Tun oder Unterlassen entstehen können und bietet damit einen Einblick in die Lebenswelt sterbender Menschen aus unterschiedlichen Perspektiven. Sie zeigt gerade in den Perspektiven die Individualität des Lebensendes auf. Die dargestellten ethischen Theorien werden durch die praktischen Fallbeispiele deutlich, wobei die situative Komplexität aufgelöst wird. Da es in der Ethik um die situative Bewertung von richtig oder falsch geht, beantwortet die Autorin die Frage nach Tun oder Lassen in der jeweiligen Situation nachvollziehbar, wodurch die Theorie verständlich wird. Mit ihrem Buch kommt Walper zu einer Zeit auf den Markt, in der viele Gesundheitswissenschaften nach Lösungen für die Versorgung, Betreuung und Therapie von sterbenden, hochbetagten oder Palliativ-PatientInnen suchen. Im Diskurs von Tun oder Lassen bietet dieses Buch eine gute Grundlage, neue Perspektiven in Entscheidungen kurativ denkender Gesundheitswissenschaften integrieren zu können, was besonders der Abschnitt des Moral Distress anbietet. Dabei zeigt Walper eindrücklich, wie hochprofessionell Pflegefachpersonen in den Fallbeispielen auf die unterschiedlichen Bedürfnisse der zu Pflegenden (im meist dargestellten Setting der Hospizarbeit Bewohnende genannt) agieren. Bei dieser insgesamt überzeugenden Darstellung wäre ein präziseres Wording wünschenswert. So bleibt durch eine unscharfe Terminologie gelegentlich offen, wer mit Bezeichnungen wie Pflegepersonen konkret gemeint ist, etwa pflegende Angehörige, Pflegefachpersonen oder ehrenamtliche Hospizhelfende. Auch die Abgrenzung zur Medizin wäre aus berufspolitischer Perspektive punktuell stärker konturiert notwendig gewesen, zumal die Autorin den pflegeprofessionellen Beitrag im interprofessionellen Team deutlich herausstellt. Trotz dieser Einschränkung ist das Buch für viele Berufsgruppen lesenswert. Die Autorin beantwortet die Frage nach Tun oder Lassen nachvollziehbar und verständlich an praktischen Beispielen, deren roter Faden deutlich erkennbar ist. Dabei kann der Leser dem ethischen Diskurs sehr gut folgen. Insgesamt ist das Buch von Heike Walper für Angehörige von sterbenden Menschen, ehrenamtlich Unterstützende in der Hospizarbeit, sowie Auszubildende und Angehörige von Gesundheitsfachberufen gleichermaßen geeignet, um die sichere Komfortzone der eigenen, prägenden (gesundheitswissenschaftlichen) Perspektive zu verlassen, um eine neue Sichtweise in ihr (berufliches) Wirken zu integrieren.

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