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Feindseligkeit unter Pflegenden beenden

Wege zu Wertschätzung und gegenseitiger Anerkennung
9. Juli 2026 durch
Feindseligkeit unter Pflegenden beenden
Franziska Reuther

Autor/innen:
Sandra Bensch (Hrsg.)

Bibliographische Daten:
Hogrefe Verlag, 1. Auflage, Bern 2026, 408 Seiten, Buch: ISBN 978-3-456-86309-2 für 50,00 €, E-Book: ISBN 9783456963099 für 42,99 €

Rezensent/in:
Simon Ludwig-Pricha


Feindseligkeit unter beruflich Pflegenden ist ein Thema, über das häufig gesprochen wird – allerdings meist im kleinen Kreis, in Teams oder im Rahmen persönlicher Erfahrungen. Dass sich ein mehr als 400 Seiten umfassendes Fachbuch diesem Phänomen widmet, zeigt, dass es sich längst nicht mehr um vereinzelte Konflikte handelt, sondern um eine Herausforderung mit Auswirkungen auf die gesamte Profession. Herausgeberin Sandra Bensch versammelt hierfür über 40 Autorinnen und Autoren aus Wissenschaft, Praxis, Bildung, Management und Politik. Das Ergebnis ist ein Sammelband, der den Anspruch erhebt, Ursachen zu analysieren, internationale Perspektiven einzubeziehen und Wege zu einer wertschätzenden Pflegekultur aufzuzeigen.

Bereits beim Blick in das Inhaltsverzeichnis wird deutlich, wie breit das Thema angelegt ist. Unterschiedlichste Facetten von Feindseligkeit werden aufgegriffen – von moralischer Belastung über Führungsverantwortung und Berufsidentität bis hin zu internationalen Erfahrungen und gesellschaftlichen Rahmenbedingungen. Auffällig ist dabei, dass sich viele Beiträge auf bereits erschienene Literatur zum Thema beziehen. Das verdeutlicht, dass Feindseligkeit in der Pflege keineswegs ein neues Phänomen ist, sondern seit Jahren wissenschaftlich und berufspolitisch diskutiert wird. Gleichzeitig macht das Buch deutlich, dass die Relevanz des Themas ungebrochen ist und bringt neue Perspektiven ein, etwa zur aktuellen Berufspolitik, zu neuesten Forschungsergebnissen und zum Einfluss sozialer Medien.

Die große Zahl der Mitwirkenden prägt den Charakter des Buches maßgeblich. Die einzelnen Kapitel fallen überwiegend kurz aus und spiegeln jeweils die fachliche Expertise der Autorinnen und Autoren wider. Positiv fällt dabei auf, dass sämtliche Beiträge einem einheitlichen Aufbau folgen. Jedes Kapitel beginnt mit einem kurzen Abstract, gefolgt von einer Einleitung, den eigentlichen Themenabschnitten sowie einem abschließenden Literaturverzeichnis. Besonders hervorzuheben ist, dass die Literatur nicht gesammelt am Ende des Buches aufgeführt wird, sondern jedem Kapitel individuell zugeordnet ist. Dadurch wird eine vertiefende Recherche zu einzelnen Fragestellungen erheblich erleichtert – ein großer Pluspunkt, gerade für Lehrende, Studierende und alle, die sich gezielt mit bestimmten Aspekten der Thematik auseinandersetzen möchten.

Gerade zu Beginn entsteht der Eindruck eines bewusst aufgebauten roten Fadens. Die ersten Beiträge greifen ineinander und entwickeln das Thema Schritt für Schritt. Im weiteren Verlauf verändert sich jedoch die Struktur. Das Buch entwickelt sich zunehmend zu einer Sammlung eigenständiger Perspektiven, in denen die jeweiligen Autorinnen und Autoren häufiger ihr persönliches Schwerpunktthema darstellen und dieses mit dem Phänomen der Feindseligkeit verknüpfen.

Diese Vielfalt ist zugleich die größte Stärke und die größte Herausforderung des Sammelbandes. Einerseits entsteht ein beeindruckend breites Panorama, das nahezu alle Bereiche der professionellen Pflege berücksichtigt. Die Beiträge eröffnen Perspektiven aus der Pflegepraxis ebenso wie aus Pflegebildung, Management, Wissenschaft und Gesundheitspolitik. Internationale Beispiele erweitern den Blick zusätzlich und machen deutlich, dass feindselige Verhaltensweisen keineswegs auf das deutsche Gesundheitswesen beschränkt sind.

Andererseits gelingt die Verbindung zum eigentlichen Leitthema nicht in jedem Beitrag gleichermaßen überzeugend. Während einige Autorinnen und Autoren die Zusammenhänge zwischen ihrem Fachgebiet und dem Phänomen der Feindseligkeit sehr präzise und nachvollziehbar herausarbeiten, wirken andere Kapitel eher wie eigenständige Fachbeiträge, deren Bezug zum Kernthema erst im Verlauf oder teilweise nur indirekt deutlich wird. Bei sehr wenigen Einzelkapiteln ist der Zusammenhang überhaupt nicht erkennbar. Dieser Eindruck ist bei Sammelbänden mit einer großen Zahl an Mitwirkenden nicht ungewöhnlich – zu komplex erscheint die Aufgabe, dass alle Autorinnen und Autoren sich gleichermaßen stringent an der Grundidee des Buches orientieren.

Inhaltlich überzeugt das Buch insbesondere durch seine differenzierte Problemanalyse. Die verschiedenen Ursachen feindseligen Verhaltens werden aus individuellen, organisationalen und gesellschaftlichen Perspektiven beleuchtet. Dadurch entsteht ein facettenreiches Verständnis dafür, weshalb Konflikte, Ausgrenzung oder mangelnde Wertschätzung entstehen können und warum einfache Erklärungen zu kurz greifen. Das Angebot der Lösungsansätze fällt im Vergleich dazu weniger umfangreich aus. Zwar werden zahlreiche Impulse, Handlungsmöglichkeiten und Beispiele genannt, doch bleiben diese häufig knapper als die vorausgehenden Analysen. Wer konkrete Instrumente oder ausführliche Konzepte für die unmittelbare Umsetzung im eigenen Arbeitsbereich erwartet, wird an einigen Stellen vermutlich mehr Tiefe vermissen.

Aus Sicht des Rezensenten beschreibt dieses Verhältnis aber auch die Funktion des Buches. Es versteht sich weniger als praxisorientierter Leitfaden mit Schritt-für-Schritt-Anleitungen, sondern vielmehr als umfassendes Nachschlagewerk und Diskussionsgrundlage. Die Vielzahl der Perspektiven lädt dazu ein, einzelne Kapitel gezielt auszuwählen und sich mit spezifischen Fragestellungen auseinanderzusetzen. Das Buch muss daher nicht linear gelesen werden. Vielmehr eignet es sich hervorragend als Werk, in dem je nach Interesse oder aktuellem Anlass einzelne Beiträge nachgeschlagen und miteinander in Beziehung gesetzt werden können.

Die fachliche Qualität der Beiträge ist insgesamt hoch. Die beteiligten Autorinnen und Autoren zählen überwiegend zu den bekannten Stimmen der professionellen Pflege und bringen ihre jeweilige Expertise überzeugend ein. Gerade diese Multiperspektivität macht den besonderen Wert des Buches aus. Feindseligkeit wird nicht auf individuelles Fehlverhalten reduziert, sondern als komplexes Zusammenspiel persönlicher, struktureller und gesellschaftlicher Faktoren verstanden.

Fazit

Feindseligkeit unter Pflegenden beenden ist ein anspruchsvoller Sammelband, der die Komplexität seines Themas konsequent ernst nimmt. Das Buch überzeugt weniger durch einfache Antworten als durch die Vielzahl fundierter Perspektiven und die sorgfältige Analyse eines Problems, das für die Zukunft der professionellen Pflege von zentraler Bedeutung ist. Die große Zahl an Autorinnen und Autoren führt zwangsläufig zu einer gewissen Heterogenität und unterschiedlichen thematischen Tiefenschärfe. Gleichzeitig entsteht gerade dadurch ein umfassendes Bild, das weit über einzelne Disziplinen hinausgeht. Wer ein kompaktes Praxismanual sucht, wird möglicherweise nicht in allen Bereichen fündig. Wer sich jedoch intensiv mit den Ursachen, Erscheinungsformen und Hintergründen von Feindseligkeit in der Pflege auseinandersetzen möchte, erhält mit diesem Buch ein hochwertiges und ausgesprochen vielseitiges Nachschlagewerk, das wichtige Impulse für Praxis, Bildung und Führung liefert.

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