
Autor/innen:
Marius Contor, Christian Husch,
Hans Peter Köllner, Bettina M. Madleitner
Bibliographische Daten:
facultas, Wien, 1. Auflage 2026,
184 Seiten, 29,90 €, ISBN 978-3-7089-2634-6
Valeria Kägi
Forensic Nursing etabliert sich zunehmend als eigenständiges pflegerisches Fachgebiet an der Schnittstelle von Gesundheitsversorgung, Recht und Opferschutz. Mit „Forensic Nursing. Grundsätze und Praxis“ legen Marius Contor, Christian Husch, Hans Peter Köllner und Bettina M. Madleitner ein deutschsprachiges Fachbuch vor, das dieses im deutschsprachigen Raum noch junge Tätigkeitsfeld systematisch erschliessen möchte. Das Werk richtet sich an Studierende und Lehrende der Gesundheits- und Krankenpflege, an Pflegepersonen in klinischen und ausserklinischen Settings sowie an weitere Berufsgruppen, die mit forensisch relevanten Fragestellungen befasst sind.
Die Autor:innen verbinden Perspektiven aus Pflege, Forensik, Biologie und Pflegewissenschaft. Inhaltlich spannt das Buch einen weiten Bogen: Nach Grundlagen und rechtlichen Rahmenbedingungen des Forensic Nursing folgen unter anderem die Tätigkeit als gerichtliche Sachverständige, Kinder- und Opferschutz, Verletzungsdokumentation, körperliche Untersuchung, Fotodokumentation und Spurensicherung. Weitere Kapitel behandeln Kindesmisshandlung und -vernachlässigung, das Münchhausen-by-proxy-Syndrom, sexualisierte Gewalt, vorgetäuschte Sexualdelikte und Selbstverletzung. Einen umfangreichen zweiten Schwerpunkt bilden psychiatrische Krankheitsbilder wie Schizophrenie, affektive Störungen, substanzinduzierte Psychosen und Persönlichkeitsstörungen.
Eine wesentliche Stärke des Werkes liegt in der klaren Positionierung von Forensic Nursing als eigenständiger pflegerischer Kompetenzbereich. Auch die thematische Breite und die nachvollziehbare Darstellung vieler forensischer Grundlagen sind überzeugend. Besonders gelungen ist das Kapitel zur Tätigkeit von Forensic Nurses als Sachverständige vor Gericht, in dem Kriterien und rechtliche Rahmenbedingungen konkret dargestellt werden. Auch die Ausführungen zu Kindesmisshandlung und zum Münchhausen-by-proxy-Syndrom vermitteln wichtige Grundlagen für komplexe und schwer erkennbare Phänomene. Gerade als deutschsprachige Einführung bietet das Buch damit eine wertvolle Orientierung und kann Interesse an einer vertieften Auseinandersetzung mit dem Fachgebiet wecken.
Gleichzeitig zeigt sich über weite Teile des Buches eine Diskrepanz zwischen dem Anspruch, Grundlagen und Praxis des Forensic Nursing zu vermitteln, und der konkreten Umsetzung. Zahlreiche Kapitel vermitteln forensisches Fachwissen nachvollziehbar und strukturiert, die spezifische Rolle der Forensic Nurses wird daraus jedoch nicht immer ebenso konkret abgeleitet. Die zentrale Frage, was das dargestellte Wissen für das konkrete pflegerische Handeln bedeutet, bleibt dadurch teilweise offen. Dies zeigt sich beispielsweise bei Fotodokumentation und Spurensicherung (S. 48–53 und S. 56–63). Die technischen und methodischen Grundlagen werden durchaus detailliert beschrieben; weniger konsequent ausgearbeitet werden jedoch deren Einbettung in konkrete pflegerische Handlungssituationen, Verantwortungsbereiche und interprofessionelle Schnittstellen. Gerade hier hätten Fallbeispiele, Ablaufdarstellungen oder Checklisten den Transfer in Ausbildung und Praxis unterstützen können.
Auch die visuelle Aufbereitung bleibt hinter den Möglichkeiten eines praxisorientierten Fachbuchs zurück. Insbesondere bei Verletzungsmustern, Fotodokumentation und Spurensicherung könnten zusätzliche Abbildungen und exemplarische Darstellungen einen unmittelbaren didaktischen Mehrwert bieten. Visualisierte Beispiele für Befunddokumentation, fotografische Vorgehensweisen oder die einzelnen Schritte einer forensischen Untersuchung würden nicht nur die Verständlichkeit erhöhen, sondern auch die Verbindung zwischen theoretischem Wissen und praktischer Handlungskompetenz stärken.
Auffällig ist zudem der umfangreiche psychiatrische Schwerpunkt (S. 120–182). Positiv ist, dass in diesen Kapiteln wiederholt auf die Bedeutung der behandelten Krankheitsbilder für Pflegefachpersonen und Forensic Nursing hingewiesen wird. Der konkrete Bezug zur spezifischen Tätigkeit von Forensic Nurses bleibt jedoch teilweise allgemein. Dadurch entsteht eine gewisse Verschiebung des Schwerpunktes: Während psychiatrische Krankheitsbilder ausführlich dargestellt werden, wird weniger deutlich, welche spezifischen forensisch-pflegerischen Kompetenzen sich daraus für unterschiedliche Versorgungssituationen ableiten. Eine stärkere Fokussierung auf Rollen, konkrete Handlungsmöglichkeiten und Schnittstellen hätte das Verständnis von Forensic Nursing als breit angelegtem Spezialgebiet weiter geschärft.
Der Anspruch, Grundlagen und Praxis des Forensic Nursing umfassend darzustellen, wird hinsichtlich der thematischen Breite weitgehend eingelöst. Gerade die Vielfalt der behandelten Fragestellungen ist eine Stärke des Werkes. Gleichzeitig hätte eine stärker übergreifende Perspektive geholfen, die einzelnen Themen wieder auf das eigentliche Berufsbild zurückzuführen: Welche konkreten Kompetenzen benötigt eine Forensic Nurse? Welche Aufgaben liegen in ihrer Verantwortung, wo bestehen Grenzen und wann sind andere Berufsgruppen einzubeziehen? Wie gestalten sich die Schnittstellen zwischen Pflege, Medizin, Rechtsmedizin, Polizei und weiteren Unterstützungsangeboten? Eine solche konsequentere Rollen- und Kompetenzorientierung hätte den Praxisbezug des Werkes weiter gestärkt.
Am Ende des Buches fehlt eine übergreifende Synthese, welche die behandelten Themen nochmals aus der Perspektive des Forensic Nursing zusammenführt. Die letzte Zusammenfassung findet sich im Kapitel zu den Persönlichkeitsstörungen (S. 182). Eine abschliessende Darstellung zentraler Kompetenzen, Einsatzmöglichkeiten oder Take-Home-Messages für Forensic Nurses hätte die zahlreichen Einzelthemen in einen gemeinsamen Bezugsrahmen gestellt und das Werk als praxisorientierte Einführung wesentlich abgerundet.
Fazit: „Forensic Nursing. Grundsätze und Praxis“ bietet einen breiten und wertvollen Einstieg in ein im deutschsprachigen Raum noch junges Fachgebiet. Die klare berufliche Positionierung, die Vielfalt der behandelten Themen und mehrere fachlich überzeugende Kapitel machen das Buch insbesondere für Studierende, Lehrende und an Forensic Nursing interessierte Fachpersonen lesenswert. Sein grösstes Entwicklungspotenzial liegt in einer noch konsequenteren Übersetzung des umfangreichen forensischen Fachwissens in konkrete pflegerische Handlungskompetenz. Eine stärkere Orientierung an Rollen, Verantwortungsbereichen, Fallbeispielen, Visualisierungen und interprofessionellen Schnittstellen hätte die Verbindung von Pflege, Forensik und Recht noch deutlicher sichtbar gemacht.