
Autor/innen:
Mechthild Decker-Maruska
Bibliographische Daten:
Springer Verlag, Berlin 2025, 179 Seiten, 29,99 €, ISBN 978-3-662-71236-8
Marco Wunder,
Das Buch „Hörschädigung im Pflegealltag“ bietet gute Hintergrundinformationen und theoretische Skills zum Thema Hörschädigungen/-beeinträchtigungen und dem Umgang mit entsprechenden Kompensationshilfsmitteln. Die Autorin Mechthild Decker-Maruska ist hörend und von Beruf Krankenschwester mit jahrzehntelanger klinischer und edukativer Erfahrung. Zudem veröffentlichte sie mehrere Fachbeiträge zum Themenkomplex und brachte die Thematik Interessierten auch im Rahmen von Kongressbeiträgen nahe.
Das Buch umfasst neben Hintergrundwissen zu den verschiedenen Hörbeeinträchtigungen und -schädigungen sowie zur Anatomie und Physiologie des Hörvorgangs allgemein und mit Bezug zu den unterschiedlichen Erkrankungen viele (pflege-)praktische Tipps zum Umgang mit den entsprechenden Hilfsmitteln. Allein hierdurch bietet es einen Mehrwert vor allem, aber nicht nur, für Pflegefach- sowie -assistenzpersonen mittels der theoretischen Einblicke in ein in der Ausbildung oftmals nur rudimentär umrissenes Themengebiet, welches nicht nur auf Ebene der professionellen Umsorger:innen für Unsicherheiten sorgt. Gerade dieser Umstand wirkt sich vor allem auch auf die betroffenen Menschen selbst im unmittelbaren pflegealltäglichen Umgang aus. So wird beispielsweise auch das schwierige Machtverhältnis zwischen „Pflege“ und gehörlosen/-beeinträchtigten Menschen beschrieben, auch bedingt durch das bereits benannte Wissensdefizit und auch den dadurch bestehenden Fehlannahmen diesen Themenkomplex betreffend.
In den Hinführungskapitel bietet das Buch eine gute Zusammenfassung von eigentlich Bekanntem, was man beispielsweise gut für die eigene Prüfungsvorbereitung nutzen könnte. Die vielen pflegepraktischen Beispiele untermauern die fachtheoretischen Inhalte sehr plastisch. Kapitel 3 „Hörwahrnehmung in Frequenz und Lautstärke und die Sprachbanane“ bietet eine sehr gute Kurzsensibilisierung für physikalische Begriffe und vor allem auch für den Einfluss der Lautstärke auf einer Station, was in einem späteren Kapitel auch gut hinsichtlich der Thematik Raumakustik vertieft wird. Das Kapitel „Funktionen des Hörens und deren Beeinträchtigung bei Hörschädigung“ sensibilisiert sehr gut auf die verschiedenen Funktionen des Hörens und Einschränkungen dieser bei Hörbeeinträchtigungen und -schädigungen, zudem auch auf den dadurch eingeschränkten Spracherwerb. Allerdings ist dies leider sehr stark auf den Lautspracherwerb bezogen, nicht auf den Erwerb der deutschen Gebärdensprache.
Das Kapitel zu Pflegeprozess und Hörschädigung ist zwar teils recht theoretisch, bietet aber einige hilfreiche, praktische und auf Ganzheitlichkeit fokussierende Tipps im Umgang mit betroffenen Menschen und ihren Hilfsmitteln. Man lernt hierbei beispielsweise auch, dass nicht nur Wein, sondern auch Batterien atmen müssen. Sehr gut gelungen ist die Sensibilisierung, dass es trotz des Einsatzes von Hilfsmitteln keinen adäquaten und dem intakten Hören gleichzusetzenden Ersatz darstellt, sondern hierbei anderweitige Höreinschränkungen bestehen.
Kritisch anzumerken ist das bereits in der Bucheinführung benannte „besondere Patientenklientel“ [sic], dessen einhergehende Haltung sich ab und an auch in den jeweiligen Kapiteln wiederfindet. Beispielsweise wird die Fehlannahme, dass Schwerhörigkeit mit kognitiver Beeinträchtigung einhergeht, gut widerlegt, allerdings zum Teil auch recht kritisch-bewertend beschreibend hinsichtlich der möglichen Verhaltensmuster hörbeeinträchtigter/-geschädigter Menschen. Dem gegenüber werden zwar „Vorteile“ einer Beeinträchtigung/-schädigung, wie eine ausgeprägtere visuelle Wahrnehmung sowie der stärkere Fokus auf Authentizität und Kongruenz, aufgezeigt. Man muss allerdings kritisch anmerken, dass diese „Vorteile“ seitens einer hörenden Person beschrieben werden. Hierzu ergänzend wäre es wünschenswert und gewinnbringend gewesen, auch eine Kultursensibilität auf die Kultur und die Historie gehörloser Menschen zu bieten. Dies fehlt leider komplett, um eine Awareness auch dahingehend zu bewirken.
Insbesondere das letzte Kapitel ist sehr Awareness-anbahnend und sensibilisierend. In diesem berichtet eine mit Cochlea Implantaten versorgte Person über die eigene Lebenswelt, auch einhergehend mit dem Fokus auf strukturelle Defizite auf Ebene der Kostenträger sowie den ästhetischen Vorurteilen hörender Menschen gegenüber diesem Hilfsmittel. Nach Meinung des Rezensenten hätte jenes Kapitel nicht das letzte, sondern gerade das allererste des Buchs sein sollen. Hiermit hätte bereits zu Beginn eine tiefergehende Sensibilisierung und einhergehendes Lebenswelt-Verständnis für die betroffenen Menschen angebahnt werden können. Wünschenswert wäre ein ähnliches Kapitel mit der Beschreibung der Lebenswelt aus Sicht einer gehörlosen Person, um auch diesbezüglich Awareness bewirken zu können. Bestenfalls hätte man das Buch gar in geteilter Autor:innenschaft herausgeben sollen, also gehörlose, hörbeeinträchtige und hörende Person.
Trotz dieser Kritik, bietet das Buch einen guten Mehrwert für (Fach-)Personen des Gesundheitswesens, um in einem oftmals vernachlässigten Thema Handlungs- und zum Teil Haltungssicherheit erlangen zu können. Das Befassen mit dieser Thematik sollte schon alleine aus Respekt den betroffenen Menschen gegenüber erfolgen.