
Autor/innen:
Dr. Andreas Mayert, unter Mitwirkung
von Tobias Hauck
Bibliographische Daten:
Nomos, Baden-Baden, 1. Auflage 2026,
Reihe: SI-Studien aktuell, 290 Seiten, 79,00 €, ISBN 978-3-7560-3358-4
Rezensent/in:
Denise Vey
Die Publikation Langzeitpflege in der digitalen Gesundheitsökonomie. Chancen und Versäumnisse greift ein Thema auf, das beim Lesen sofort als hochaktuell und zugleich längst überfällig erscheint. Die Digitalisierung der Langzeitpflege wird seit Jahren politisch, fachlich und organisatorisch gefordert, bleibt aber in der Praxis oftmals hinter den Erwartungen zurück. Es geht nicht nur darum, welche digitalen Möglichkeiten es in der Pflege geben könnte, sondern vor allem darum, warum diese Möglichkeiten bisher nur begrenzt in der Versorgungsrealität angekommen sind. Damit behandelt die Publikation ein zentrales Zukunftsthema der Langzeitpflege: Wie kann Digitalisierung zur Entlastung, besseren Kommunikation und effizienteren Organisation beitragen, ohne die ohnehin belasteten Einrichtungen und Dienste zusätzlich zu überfordern?
Dr. Andreas Mayert und Tobias Hauck nähern sich dem Thema aus einer sozial- und wirtschaftswissenschaftlichen Perspektive. Die Langzeitpflege wird nicht allein als pflegepraktisches Handlungsfeld betrachtet, sondern in größere gesellschaftliche, ökonomische und politische Zusammenhänge eingeordnet. Besonders überzeugend ist dabei, dass die Autoren Digitalisierung nicht als rein technische Frage behandeln. Vielmehr zeigen sie, dass digitale Transformation immer auch mit Finanzierung, Personal, Arbeitsbedingungen, Organisationsstrukturen, Anbieterlogiken und politischen Rahmenbedingungen verbunden ist. Gerade diese breite Perspektive macht die Publikation für Leserinnen und Leser interessant, die Digitalisierung in der Pflege nicht nur als Einführung neuer Software verstehen, sondern als Veränderungsprozess im Rahmen des Changemanagements.
Der Entstehungsrahmen der Publikation lässt sich im Kontext der aktuellen Debatte um die digitale Transformation des Gesundheits- und Pflegewesens verorten. Die Pflege steht unter zunehmendem Druck. Der Fachkräftemangel verschärft sich, die Zahl pflegebedürftiger Menschen steigt, Dokumentations- und Kommunikationsanforderungen nehmen zu und zugleich wächst die Erwartung, dass digitale Lösungen zur Entlastung beitragen sollen. Es wird jedoch schnell deutlich, dass die Autoren einfachen Digitalisierungsversprechen kritisch gegenüberstehen. Sie stellen sich nicht nur der Frage, was technisch möglich wäre, sondern vor allem, warum Einrichtungen und Dienste diese Möglichkeiten bisher nicht umfassend nutzen können, konnten oder wollen. Dadurch entsteht ein realistisches Bild eines Versorgungsbereichs, in dem Digitalisierung zwar notwendig erscheint, aber keineswegs selbstverständlich gelingt.
Der Aufbau des Buches ist sehr gut strukturiert. Zu Beginn werden die Vorteile einer digitalen Transformation der Langzeitpflege, die digitale Basisinfrastruktur und die Telematikinfrastruktur erläutert. Anschließend ordnen die Autoren die Langzeitpflege in den Kontext der digitalen Gesundheitsökonomie ein und stellen Motivation sowie Studiendesign vor. Darauf folgen Kapitel zu Angebot, Nachfrage und Marktstrukturen in der Langzeitpflege sowie zu Personalmangel und Arbeitsbedingungen. Erst danach wird die Digitalisierung selbst ausführlicher behandelt. Die Autoren stellen verschiedene Gestaltungsfelder vor, darunter Informations- und Kommunikationstechnologien innerhalb der Organisation, digitale Schnittstellen nach außen sowie technische Assistenzsysteme für Pflegekräfte und Pflegeempfangende. Im weiteren Verlauf werden Digitalisierungsgrad, Nutzungsbereiche, Telematikinfrastruktur, Hinderungsfaktoren und Wirkungen digitaler Technologien analysiert. Den Kern bilden die empirischen Ergebnisse der Studie, bevor es mit einem zusammenfassenden Fazit endet.
Es fällt auf, dass die Publikation sehr stark auf eine systematische Herleitung setzt. Die Autoren bauen ihr Argument Schritt für Schritt auf. Zunächst wird deutlich gemacht, unter welchen strukturellen Bedingungen Langzeitpflege überhaupt stattfindet. Danach wird herausgearbeitet, welche Rolle Digitalisierung in diesem Feld einnehmen könnte. Erst auf dieser Grundlage werden die empirischen Befunde eingeordnet. Diese Vorgehensweise verlangt von den Leserinnen und Lesern Geduld. Wer schnelle Handlungsempfehlungen für den Pflegealltag erwartet, muss sich zunächst durch einen umfangreichen theoretischen und analytischen Teil arbeiten. Neu an der Publikation ist vor allem die Verbindung mehrerer Perspektiven. Digitalisierung wird nicht isoliert als Technikthema behandelt, sondern mit den grundlegenden Problemen der Langzeitpflege verknüpft. Besonders gelungen ist, dass Personalmangel und Arbeitsbedingungen nicht nur als Hintergrundinformationen erscheinen, sondern als wichtige Bedingungen für das Gelingen oder Scheitern digitaler Transformation. Dadurch wird deutlich, dass digitale Anwendungen nur dann einen Nutzen entfalten können, wenn sie in eine Organisation eingebettet sind, die über Zeit, Kompetenzen, Ressourcen und klare Zuständigkeiten verfügt.
Der Nutzen der Publikation liegt besonders für Pflegeforschung, Pflegepolitik, Träger, Verbände und Leitungskräfte auf der Hand. Wer verstehen möchte, warum Digitalisierung in der Langzeitpflege vielerorts nur langsam vorankommt, findet hier eine differenzierte Analyse. Es reicht eben nicht aus, digitale Technologien bereitzustellen oder gesetzliche Vorgaben zu formulieren. Einrichtungen benötigen passende Infrastruktur, qualifiziertes Personal, finanzielle Spielräume, transparente Nutzenargumente und realistische Implementationsstrategien. Gerade für Leitungskräfte kann die Publikation deshalb hilfreich sein, weil sie zeigt, dass Digitalisierung nicht parallel zum Arbeitsalltag eingeführt werden kann. Sie muss geplant, erklärt, begleitet und dauerhaft in Arbeitsprozesse integriert werden.
Das Ziel der Publikation wird insgesamt erreicht. Die Autoren wollen sichtbar machen, warum die Digitalisierung in der Langzeitpflege trotz vorhandener Chancen nur langsam voranschreitet. Besonders überzeugend ist, dass die Publikation keine einseitige Schuldzuweisung vornimmt. Weder werden Pflegeeinrichtungen als innovationsunwillig dargestellt, noch wird Digitalisierung unkritisch als Allheilmittel präsentiert. Stattdessen entsteht ein differenziertes Bild. Viele Anbieter erkennen den Nutzen digitaler Lösungen durchaus, stoßen aber auf strukturelle, finanzielle, personelle und technische Grenzen. In Bezug auf Übersichtlichkeit und Gestaltung ist die Publikation klar wissenschaftlich angelegt. Die Gliederung ist logisch und gut nachvollziehbar. Die einzelnen Kapitel bauen sinnvoll aufeinander auf, sodass die Argumentation insgesamt sehr stringent wirkt. Positiv fällt auf, dass die Autoren zunächst den pflegerischen und ökonomischen Kontext entfalten, bevor sie die Digitalisierung selbst diskutieren. Dadurch wird vermieden, digitale Transformation losgelöst von der Versorgungspraxis zu betrachten. Gleichzeitig ist die Darstellung stellenweise sehr textlastig.
Die Aktualität des Themas ist sehr hoch. Die Langzeitpflege befindet sich in einer Phase, in der digitale Infrastruktur, Telematikinfrastruktur, elektronische Kommunikation und digitale Dokumentationsprozesse zunehmend an Bedeutung gewinnen. Gleichzeitig bestehen weiterhin große Unterschiede zwischen politischen Erwartungen und praktischer Umsetzung. Das Fachwerk beschreibt genau diese Lücke. Sie macht sichtbar, dass Digitalisierung nicht automatisch zu Entlastung führt, sondern zunächst zusätzliche Anforderungen erzeugen kann. Damit greift das Buch eine Realität auf, die viele Einrichtungen kennen. Neue digitale Systeme sollen Prozesse verbessern, benötigen aber zunächst Schulung, Zeit, technische Stabilität und Akzeptanz.
Insgesamt hinterlässt die Publikation einen sehr fundierten und wichtigen Eindruck. Sie stellt eine kritisch-analytische Auseinandersetzung mit Chancen, Grenzen und Versäumnissen in der Langzeitpflege dar. Das Buch macht klar deutlich, dass digitale Transformation nicht allein durch Technik, gesetzliche Vorgaben oder Innovationsrhetorik gelingt. Sie braucht passende Rahmenbedingungen, Ressourcen, Qualifikation, Akzeptanz und eine realistische Einschätzung der pflegerischen Arbeitswelt. Für Pflegeforschung, Pflegepolitik, Verbände und Träger ist die Publikation daher sehr empfehlenswert. Auch Leitungskräfte können von ihr profitieren, wenn sie bereit sind, sich auf eine wissenschaftlich anspruchsvolle, aber praxisrelevante Analyse einzulassen. Positiv bleibt festzuhalten, dass das Buch einen wichtigen Beitrag dazu leistet, die Digitalisierung der Langzeitpflege nicht nur zu fordern, sondern ihre Voraussetzungen endlich ernsthaft zu verstehen.