• Innovationen für ambulante Pflege: HSBI-Forscher rüsten Bielefelder KogniHome mit Sensorik und KI auf

    Die Bielefelder Forschungswohnung „KogniHome“ wurde mit zusätzlichen Sensoren, leistungsfähigerer Software, einer innovativen Eingangstür und einer trainierten KI weiterentwickelt. Zwei Wissenschaftler der HSBI nutzen diese Technologien, um pflegebedürftigen Menschen ein längeres und sicheres Leben in ihrem Zuhause zu ermöglichen.

    SHARLY („Smart Home Agent Really“) erfasst zahlreiche Aktivitäten im Bielefelder KogniHome, etwa das Öffnen des Kühlschranks, den Wasserverbrauch oder das Betreten eines Raums. Trotz der umfassenden Sensorik geht es den Forschenden im Stadtteil Bethel nicht um Überwachung, sondern um die Entwicklung unterstützender Technologien für pflegebedürftige Menschen:   „Wir möchten vielmehr herausfinden, wie mithilfe von Künstlicher Intelligenz und einer vernetzten Wohnumgebung sichergestellt werden kann, das körperlich oder geistig beeinträchtigte Menschen so lang wie möglich selbstständig und sicher in ihren eigenen vier Wänden leben können“, so Prof. Dr. Thorsten Jungeblut.

    Privatsphäre bleibt gewahrt, dennoch wird sichtbar, wie es jemandem geht – gut, mittel oder schlecht

    Der Professor der Hochschule Bielefeld (HSBI) im Bereich Industrial Internet of Things arbeitet daran, pflegenden Angehörigen und Diensten per intelligenter Datenauswertung aus der Ferne Einblick in das Wohlbefinden betreuter Personen zu ermöglichen und frühzeitig Handlungsbedarf zu erkennen.  „Stellen Sie sich vor, es gibt irgendwann einfach eine App, mit der Sie zum Beispiel über ein simples Ampelsystem erfahren, ob alles okay ist bei Ihren hochbetagten Eltern oder ob mittelfristig oder sofort Handlungsbedarf besteht“, skizziert Jungeblut die Perspektive seiner Arbeit. „Das wäre doch praktisch!“

    Zum kritischen Punkt „Big Brother“ haben der Professor und sein Doktorand Justin Baudisch auch gleich einige Lösungen parat: „Bei einem einfachen Bewertungssystem mit den Unterteilungen gut, mittel, schlecht bleibt die Privatsphäre weitgehend gewahrt“, erläutert Baudisch. „Wir arbeiten ja nicht mit Kameras, sondern mit Sensoren, deren Daten vor Ort gesammelt und analysiert werden. Solche Sensoren haben keinen oder nur sehr begrenzten Personenbezug.“ Wenn dann doch mal Daten die geschützte Umgebung verlassen sollen – zum Beispiel, um die Wissenschaft weiterzubringen –, dann werden diese homomorph verschlüsselt, versichert Baudisch. „Das ist ein innovatives Verfahren, bei dem die individuelle inhaltliche Substanz der Daten erhalten bleibt, eine Zuordnung zu konkreten Personen aber unmöglich ist.“

    Günstige Minimalsensorik steigert die Realisierungswahrscheinlichkeit des Systems

    SHARLY ist eine fortschrittliche Softwareumgebung, die Jungeblut und Baudisch kontinuierlich weiterentwickeln. Auf einem Monitor im KogniHome zeigt das System diskret und schematisch an, was in der Wohnung geschieht. Legt sich eine Testperson auf den Badezimmerboden, erscheinen zwei blaue Vierecke auf dem Bildschirm und markieren den simulierten Sturz. Auch ein offenes Badezimmerfenster wird visualisiert. Bleibt die Situation über einen bestimmten Zeitraum unverändert, könnte das System automatisch Alarm auslösen und Rettungskräfte verständigen.

    SHARLYs umfangreiche Datenerfassung hilft nicht nur in Notfällen: Das System sammelt und analysiert eine Vielzahl von Sensordaten, um typische Tagesabläufe zu erkennen. Bei Abweichungen kann es wertvolle Hinweise für Pflegende liefern. Die Auswertung umfasst Daten von Bewegungsmeldern, Lichtschaltern, Türen, Fenstern und intelligenten Haushaltsgeräten wie Kaffeemaschinen, Saugrobotern oder Waagen. Zusätzlich verarbeitet SHARLY Informationen von Smartmetern zu Heizung, Strom und Wasserverbrauch.

    „Ein Vorteil unseres Ansatzes besteht darin, dass Minimalsensoren heute schon Standard sind für viele Gebäudeeinrichter, Bad- und Küchenhersteller“, so Jungeblut. „Das heißt die Technologie ist relativ kostengünstig und so besteht eine gute Chance, dass unser System mittelfristig, zum Beispiel in der ambulanten Pflege, eingesetzt wird.“  Das Team arbeitet bereits mit der Ambulanten Geriatrischen Rehabilitation Bielefeld GmbH an der Integration von Smart-Home-Sensorik in die häusliche Rehabilitation. In Brackwede können Interessierte in den Räumen der PVM GmbH verschiedene im KogniHome genutzte Sensortechnologien besichtigen und testen. Zudem haben Doktorand Baudisch und sein Professor eine Schnittstelle zu einer Pflegemanagement-Software entwickelt und beginnen nun mit ersten Tests.

    Daten werden homomorph verschlüsselt, und dann startet das Training der KI bei yourAI in der HSBI

    Doch braucht das System tatsächlich so viele Daten und warum registriert es selbst, ob der Küchenschrank gerade geöffnet wurde und ob die Kaffeemaschine läuft? „Ganz einfach“, erläutert Justin Baudisch, „nur so kriegen wir raus, welche Verhaltensmuster normal und damit unkritisch sind und welche eine Abweichung bedeuten, die womöglich auf ein Problem hindeuten.“ Damit das zuverlässig klappt, muss die Software allerdings viel lernen und Schritt für Schritt klüger werden. Hier kommt KI ins Spiel: Die Daten aus der vernetzten Wohnung werden, wie erwähnt, zunächst homomorph verschlüsselt und dann in die HSBI übertragen. Dort gibt es ein Rechnernetzwerk namens yourAI mit der Kapazität, große Datenmengen zu verarbeiten und KIs zu trainieren.

    Das Training läuft so ab: Basierend auf aufeinanderfolgenden Ereignissen werden die Aktivitäten in der Wohnung erfasst und Handlungssequenzen gebildet. Diese finden in einer Graphstruktur Abbildung. Nach einer gewissen Zeit, in der immer wieder neue Sequenzen abgebildet wurden, können Abweichungen in der Struktur – also bisher unbekannte Sequenzen oder leichte Abweichungen von bekannten Sequenzen – als Anomalien erkannt werden. Baudisch: „Bei Abweichungen vom gewohnten, in der Vergangenheit gelernten Verhalten – wir sprechen von Anomalie – werden pflegende Angehörige, das Pflegepersonal oder auch ein Rettungsdienst informiert, um, wenn nötig, entsprechende Interventionen einzuleiten.“ Bei einer noch nicht hinreichend trainierten KI wäre falscher Alarm ziemlich wahrscheinlich. Zurzeit ist das Team deshalb unter anderem dabei, der KI den richtigen Umgang mit Trends beizubringen. Dabei geht es zum Beispiel und um die Berücksichtigung von Saisonalitäten wie Wochenenden und Jahreszeiten.

    Arbeit im Kontext von demografischem Wandel und Arbeitskräftemangel im Pflegebereich

    Viele Daten zu sammeln, zu analysieren und mittels KI zu klassifizieren, steigert also die Zuverlässigkeit des Systems. Große Datenmengen bringen aber noch einen weiteren Vorteil, berichtet Prof. Jungeblut: „Die langfristige Messung der Aktivität kann auch die Früherkennung und Diagnose von neurologischen Erkrankungen wie Demenz erleichtern.“ Eine weitere Krankheit, auf die eine Änderung der Aktivität in der Wohnung hindeuten könnte, ist Depression. Oder das System stellt fest, dass der Wasserverbrauch in der Toilette kontinuierlich gesunken ist: ein Indiz dafür, dass eine schleichende Dehydrierung der hilfebedürftigen Person im Gange ist – eine gefährliche Entwicklung, die typisch ist insbesondere für hochbetagte Menschen.

    Selbstbestimmtes Leben zu Hause auch im hohem Alter ist ein wichtiges Ziel des Gesundheitswesens, findet Prof. Jungeblut, und so bilden die sogenannte „Überalterung“ der Gesellschaft bei gleichzeitigem Arbeitskräftemangel im Pflegebereich und inhaltlich wie zeitlich oft überforderten Angehörigen den Hintergrund seiner Arbeit und der seines Doktoranden. Im KogniHome finden sie dafür ideale Voraussetzungen vor. Die Forschungswohnung in Bethel, dem Stadtteil des Bielefelder Bezirks Gadderbaum, war 2014 als gemeinsames Projekt von 14 Partnern entstanden. Acht Millionen Euro ließ es sich das Bundesministerium für Bildung und Forschung kosten, um eine zukunftsträchtige Musterwohnung entstehen zu lassen, die selbstbestimmtes Wohnen von Menschen mit Beeinträchtigungen mithilfe technischer Assistenzsysteme ermöglichen sollte. Mittlerweile wird das durch und durch vernetzte und mit allerlei technischen Finessen ausgestattete Appartement – darunter neuerdings eine innovative Eingangstür, die von Rettungskräften mit einem von SHARLY gesendeten QR-Codes geöffnet werden kann – von einem Verein betrieben, in dem die wesentlichen Köpfe aus Gesundheit, Wirtschaft und Hochschulen Mitglied sind.

    Insbesondere Letztere haben sich einiges vorgenommen: Um die Datenschutzherausforderungen beispielsweise künftig noch besser in den Griff zu bekommen und an dieser Stelle robust aufgestellt zu sein, möchte HSBI-Professor Jungeblut mittelfristig erreichen, dass die Daten nicht nur vor Ort gesammelt und dann anonymisiert weitergegeben werden, sondern dass auch die KI-Verarbeitung selbst lokal stattfindet. Diese sensornahe KI-basierte Vorverarbeitung in der Wohnung kann aber aufgrund begrenzter Rechenkapazitäten zusätzliche Schritte erforderlich machen. Ein sogenanntes Co-Design der Hardware vor Ort und der KI müsste erfolgen. Jungeblut: „Das versuchen wir gerade zu erreichen, indem wir zunächst Verfahren zur Reduktion der Modellkomplexität beispielsweise durch Quantisierung Approximation anwenden, also eine Vereinfachung, durch die sich der Rechenbedarf reduzieren lässt, ohne dass die Genauigkeit des KI-Modells darunter leidet.“ Es bleibt also spannend im KogniHome, „Big Brother“ allerdings bleibt in dieser Wohnung diskret und ist auch künftig auf die Wahrung der Privatsphäre bedacht.


    Zur Pressemitteilung: https://www.hsbi.de/presse/pressemitteilungen/innovationen-fuer-ambulante-pflege-hsbi-forscher-ruesten-bielefelder-kognihome-mit-sensorik-und-ki-auf

    Foto: Durch Minimalsensorik können exakte Bewegung im KogniHome erkannt, erfasst und dargestellt werden. (H. Hilpmann/HSBI)

  • Klimawandel und Hitzerekorde: Neue Projekte und Empfehlungen von HSBI-Pflegewissenschaftlerinnen

    Diese Woche steigen die Temperaturen auf Rekordwerte. Pflegewissenschaftlerinnen der Hochschule Bielefed empfehlen bei Temperaturen über 30 Grad besondere Vorsicht. Besonders ältere und chronisch kranke Menschen sowie Schwangere und Kinder sollten bestimmte Schutzmaßnahmen beachten. Die Forschenden widmen sich zudem weiteren Themen rund um Klimawandel und Nachhaltigkeit: In ihrem Projekt „Green Guide for Nursing“ verbinden sie wissenschaftliche Erkenntnisse mit praktischen Erfahrungen.

    Der 2. Juli wird voraussichtlich der heißeste Tag des Jahres mit Temperaturen von bis zu 36 Grad und mehr sein. Meteorologisch spricht man von einem wirklich „heißen“ Tag, wenn das Thermometer über 30 Grad klettert. „Wir wissen aus der Forschung, dass an Hitzetagen die Häufigkeit, ins Krankenhaus eingewiesen zu werden, bei älteren und chronisch kranken Menschen zunimmt“, sagt Prof. Dr. Christa Büker, Professorin für Pflegewissenschaft am Fachbereich Gesundheit der Hochschule Bielefeld (HSBI). „Deshalb ist der Klimawandel mit seinen zunehmenden Hitzeereignissen auch für uns Pflegewissenschaftler:innen ein großes Thema.“

    Direkte Sonneneinstrahlung meiden und ausreichend trinken

    In den letzten drei Sommern sind in Deutschland schätzungsweise über 10.000 Menschen an den Folgen von Hitze gestorben, so das Robert-Koch-Institut. Besonders ab einem Alter von 65 Jahren steigt das Risiko deutlich an. Symptome wie Erschöpfung, Schwindel und Verwirrtheit sind wichtige Warnzeichen, die unbedingt Beachtung finden sollten. Doch wie lässt sich das Risiko verringern? „Am besten ist es natürlich, sich gar nicht erst der Hitze auszusetzen und vor allem direkte Sonneneinstrahlung zu meiden“, rät die HSBI-Professorin. „Ausreichend zu trinken ist dabei auch in geschlossenen Räumen sehr wichtig.“

    Und wenn man doch mal vor die Tür muss? „Dann sollte man unbedingt leichte, helle und locker sitzende Kleidungsstücke aus Naturmaterialien tragen“, sagt Büker. Denn helle Farben reflektieren die Sonnenstrahlen, und ein lockerer Sitz der Kleidung ermöglicht eine gute Luftzirkulation. So bleibt die Haut kühler.

    Medikamente niemals großer Hitze aussetzen

    „Besonders aufpassen müssen Personen, die Medikamente nehmen“, benennt Christa Büker einen Punkt, der häufig vergessen wird. „Manche Medikamente wirken bei Hitze verstärkt, bei anderen wiederum können die erwünschten Wirkungen zu Problemen führen, wenn beispielsweise bei der Einnahme von entwässernd wirkenden Arzneien ein Flüssigkeitsmangel droht überhaupt nicht. Bestimmte Medikamente können außerdem die Fähigkeit des Körpers beeinträchtigen, Hitze gut zu bewältigen, etwa wenn sie das Schwitzen hemmen. Bei Hitze sollten Medikamente grundsätzlich an einem kühlen, trockenen und lichtgeschützten Ort gelagert werden.“

    Die Professorin betont, dass mittlerweile nicht nur ältere, pflegebedürftige und chronisch kranke Menschen zu den besonders gefährdeten Gruppen bei Hitzeereignissen gehören. „Heute weiß man, dass zum Beispiel auch schwangere Frauen sehr gefährdet sind, weil sie einen ganz anderen Stoffwechsel haben“, so Büker. „An Hitzetagen gibt es nachweislich eine erhöhte Anzahl an Fehlgeburten. Und auch Kinder setzen sich im Freien einem hohen Risiko aus – das ist viel zu wenig im Blick. Sie haben nämlich noch nicht so einen stabilen Temperaturhaushalt wie Erwachsene.“

    Wissenschaft trifft breite Öffentlichkeit – mit einem Klimaquiz

    Für die HSBI-Professorin ist eine umfassende Sensibilisierung der Bevölkerung der entscheidende Weg, um mehr Menschen vor den gesundheitlichen Folgen sommerlicher Hitze zu schützen. „Die Stadt Bielefeld etwa hat einen sehr guten Aktionsplan ausgearbeitet und informiert umfassend, zum Beispiel über ihr Hitze-Portal im Internet“, sagt Christa Büker. „Ansonsten kann ich den ‚Hitzeknigge‘ des Umweltbundesamtes empfehlen, den es als kostenlosen Download gibt.“

    Auch die Wissenschaftler:innen am Fachbereich Gesundheit der HSBI selbst wollen das Thema verstärkt in die Öffentlichkeit bringen. „Zum Tag der Offenen Tür unserer Hochschule am 24. Mai haben wir ein Klimaquiz auf die Beine gestellt – das ist hervorragend angekommen“, erzählt Christa Büker. Zwei ihrer wissenschaftlichen Mitarbeiterinnen, Dr. Eva Cruel und Karina Ilskens, haben es recherchiert und vor allem kreativ aufgearbeitet. Nach dem Vorbild der Kinder-Quizshow „1, 2 oder 3“ konnten Besucher:innen sich für Antworten auf Fragen entscheiden, in dem sie sich auf das entsprechende Feld auf dem Boden stellten. „Es wurde also wie im Fernsehen viel herumgehüpft“, sagt Eva Cruel. „Das war interaktiv, lustig und hat allen großen Spaß gemacht.“

    Weniger Ressourcenverbrauch, bessere Ernährung: So geht nachhaltiges Pflegen

    Im Mittelpunkt stand die Vermittlung der engen Verbindung zwischen der Gesundheit unseres Planeten und der individuellen Gesundheit der Menschen. Dieses Thema gewinnt in den Pflege- und Gesundheitsstudiengängen der HSBI zunehmend an Bedeutung. Im Rahmen des Projekts „Planetary Health and Nursing“ wurden kürzlich vier neue Lehrmodule entwickelt. Aktuell fördert die Stiftung Innovation in der Hochschullehre das Forschungsprojekt „Green Guide for Nursing“.  „Ziel ist es, jetzt konkrete Handlungsempfehlungen zusammenzutragen, damit Pflegefachpersonen in ihrem Arbeitsalltag nachhaltig tätig werden können“, sagt die wissenschaftliche Mitarbeiterin Karina Ilskens. Am Projektende soll ein Handbuch entstehen, das Wege zu nachhaltiger Pflege aufzeigt: mit reduziertem Ressourcenverbrauch, klimagerechter Ernährung, wirkungsvoller Klimakommunikation und guter Vorbereitung auf extreme Wetterlagen. 

    „Recherche und Texterstellung haben wir bereits abgeschlossen“, sagt Eva Cruel. „Nun befassen wir uns damit, wie wir das Handbuch gestalten, damit Menschen aus der Berufspraxis wirklich Lust bekommen, das auch umzusetzen. Dazu erstellen wir gerade ganz viele kleine Aktionen.“ Zum Beispiel stellt sich die Frage, wie es Pflegenden gelingt, den Verbrauch von Handschuhen zu reduzieren. Das ist keineswegs trivial, denn auch kleine Einsparungen können eine große Wirkung entfalten: In deutschen Krankenhäusern fallen täglich durchschnittlich sieben bis acht Tonnen Abfall an. Etwa sechs Prozent der Treibhausgasemissionen in Deutschland stammen aus dem Gesundheitssektor. Dabei ist das Einsparpotenzial erheblich: Pflegeheime könnten ihren CO2-Fußabdruck mit vergleichsweise geringem Aufwand um rund 15 Prozent senken.

    Klimaschutz im Pflegealltag geht nur gemeinsam

    Um den Pflegestudierenden die Inhalte des Handbuchs anschaulicher und unterhaltsamer zu vermitteln, hat das Projektteam sogenannte Educational Escape Rooms entwickelt. So wird das Seminar zu einem Online-Spiel, bei dem die Lerninhalte auf spielerische Weise vermittelt werden. „Eva und ich haben im Bachelor Gesundheitskommunikation studiert“, sagt Ilskens. „Das zahlt sich jetzt aus. Es geht uns um das Gefühl dafür, dass es auch Spaß macht, nachhaltiges Denken im Job umzusetzen – darum, dass man tatsächlich etwas erreichen kann.“

    Denn aufgrund der hohen Arbeitsbelastung im Klink- und Pflegeheimalltag bleibt erfahrungsgemäß vieles auf der Strecke. „Und da ist auch oft dieses Ohnmachtsgefühl: Ich kann alleine eh nichts verändern“, sagt Professorin Christa Büker. „Tatsächlich geht es auch nur gemeinsam. Und in manchen Einrichtungen gibt es ja bereit interdisziplinäre Green Teams, wo Mitarbeitende aus Pflege, Medizin, Küche und Facility Management sich zusammen daranmachen, um zum Beispiel den Ressourcenverbrauch zu verringern oder klimafreundlichere Speisepläne zu erstellen.“

    Klimawandel ist die größte Bedrohung für die menschliche Gesundheit

    Entscheidend für das Gelingen eines Projekts sei die Rückkopplung mit der Praxis. „Dafür haben wir unsere Fokusgruppen, bestehend aus Expert:innen und Wissenschaftler:innen, die jeden Tag in Krankenhäusern und Heimen arbeiten bzw. in diesem Bereich forschen“, so Prof. Dr. Änne-Dörte Latteck, Prodekanin im Fachbereich Gesundheit der HSBI und Leiterin mehrerer Forschungsprojekte. „Hier sammeln wir Ideen und stimmen unsere eigenen ab.“ Wissenschaftliche Erkenntnisse, abgeglichen mit der Praxis und multipliziert mit einem Spaßfaktor – das zeichnet das Projekt Green Guide for Nursing aus.

    Höchste Zeit dafür ist es. „Mir ist aufgefallen, dass in der Literatur anstatt des Begriffes Klimawandel immer öfter Klimakatastrophe verwendet wird“, sagt Änne-Dörte Latteck. „Die Pflegewissenschaften betrifft das zunehmend. Schon 2015 hat die Lancet-Kommission den Klimawandel als die größte Bedrohung für die menschliche Gesundheit bezeichnet. Umso mehr gilt das heute und in Zukunft.“


    Event-Tipp: Auf dem diesjährigen Lernwelten-Kongress vom 25.-26. September 2025 können Sie einen Workshop von Karina Ilskens & Prof. Dr. Änne-Dörte Latteck der Hochschule Bielefeld zum Thema „Green Guide for Nursing: Klimakompetenz als Future Skill spielerisch & digital verankern mithilfe von Escape Rooms“ besuchen. Weitere Informationen zur Veranstaltung und Tickets finden Sie unter www.lernwelten.info


    Zur Pressemitteilung: https://www.hsbi.de/presse/pressemitteilungen/hitzerekord-am-mittwoch-klimawandel-sommerhitze-und-was-dagegen-hilft-tipps-von-hsbi-pflegewissenschaftlerinnen

    Foto: Der Klimawandel mit seinen zunehmenden Hitzeereignissen ist auch für die Pflegewissenschaft ein großes Thema. HSBI-Pflegewissenschaftlerinnen geben Tipps für den Umgang mit hohen Temperaturen. (c) K. Starodubskij/HSBI

  • Pia Kling erhält bundesweiten Notfallpflegepreis 2025

    Die SRH Kliniken Landkreis Sigmaringen gratulieren ihrer Mitarbeiterin Pia Kling herzlich zu einem besonderen Erfolg: Die 28-Jährige wurde mit dem ersten Platz beim bundesweiten Notfallpflegepreis 2025 der Deutschen Gesellschaft interdisziplinäre Notfall- und Akutmedizin (DGINA) ausgezeichnet. Der jährlich vergebene, mit 300 Euro dotierte Preis ehrt die besten Absolvent:innen der Notfallpflege-Weiterbildung in Deutschland und würdigt sowohl fachliche Exzellenz als auch herausragendes menschliches Engagement in der Notfallpflege.

    Herausragende Abschlussarbeit überzeugt Jury

    Pia Kling beeindruckte die Jury mit ihrer Abschlussarbeit zum Thema „LINE-Akronym – Strukturierte Versorgung von Borderline-Patient:innen in der Zentralen Notaufnahme“. Mit großer Sorgfalt und Engagement widmete sie sich im Rahmen ihrer Weiterbildung zur Notfallpflegerin einem hochaktuellen und sensiblen Thema. Ihre Arbeit wird bundesweit anerkannt und unterstreicht die Bedeutung strukturierter, zugleich empathischer Versorgungskonzepte – insbesondere in der oft herausfordernden Umgebung der Notaufnahme.

    „Es war für mich völlig unerwartet, so geehrt zu werden. Ich hätte niemals gedacht, dass dieses Thema eine derart starke Resonanz hervorruft. Der Preis würdigt nicht nur meine fachliche Arbeit, sondern auch mein Engagement für eine menschlich zugewandte und gleichzeitig strukturierte Notfallpflege. Das motiviert mich sehr, weiterhin mein Bestes zu geben,“ freut sich Pia Kling.

    Bedeutung des DGINA-Preises

    Der Notfallpflegepreis der DGINA gilt als bedeutendste Auszeichnung für Pflegekräfte in der Notfallmedizin in Deutschland. Die Deutsche Gesellschaft interdisziplinäre Notfall- und Akutmedizin engagiert sich seit Jahren für die Anerkennung und Weiterentwicklung der Notfallpflege als eigenständige, hochqualifizierte Fachdisziplin. Mit dem Preis rückt sie innovative Ansätze, fachliche Exzellenz und patientenzentriertes Handeln in den Fokus – und leistet damit einen wichtigen Beitrag zur Qualitätssicherung und zur Weiterentwicklung der Notfallversorgung im gesamten Gesundheitswesen.

    Engagement und Karriereweg

    Pia Kling ist seit 2014 Teil des Teams der SRH Kliniken Landkreis Sigmaringen und bringt seit 2017 ihre Expertise in der Zentralen Notaufnahme ein. Die Fachweiterbildung zur Notfallpflegerin hat sie erfolgreich abgeschlossen – mit theoretischem Unterricht an der Gesundheitsakademie Weingarten und praktischen Einsätzen im Rettungsdienst sowie auf verschiedenen Fachstationen. Derzeit bereitet sie sich auf die Weiterbildung zur Praxisanleiterin vor, um ihr Wissen künftig strukturiert an Kolleginnen und Kollegen weiterzugeben.

    „Mit dem Preis werden sowohl ihre fachliche Kompetenz als auch ihr Einsatz für eine patientenorientierte Versorgung gewürdigt“, betont Dr. Martin Mauch, Chefarzt der Zentralen Notaufnahme.


    Zur Pressemitteilung: https://www.kliniken-sigmaringen.de/news/default-5332e78d61-1/default-77c1af49ed/

    Foto: Ausgezeichnete Notfallpflegerin Pia Kling und Chefarzt Dr. med. Martin Mauch von der Zentralen Notaufnahme freuen sich über die Auszeichnung

  • Entwicklung der Pflegebedürftigkeit wird wissenschaftlich untersucht

    Der GKV-Spitzenverband hat das IGES Institut mit einer Studie beauftragt, um die Entwicklung der Zahl der Pflegebedürftigen wissenschaftlich zu analysieren. Ziel der Untersuchung ist es, die Dynamiken und Erfahrungen seit der Einführung des neuen Pflegebedürftigkeitsbegriffs und der damit verbundenen Pflegebegutachtung im Jahr 2017 zu evaluieren.

    „Die Einführung des geltenden Pflegebedürftigkeitsbegriffs 2017 war ein Meilenstein bei der Weiterentwicklung der Pflegeversicherung. Sie hat für eine Verbesserung und Ausweitung der Leistungen gesorgt, weil sich die pflegerische Versorgung damit besser am konkreten Bedarf ausrichtet, und seither auch Menschen mit demenziellen Erkrankungen durch die soziale Pflegeversicherung versorgt werden. Wir beobachten daher seit der Einführung einen starken Anstieg der Zahl der Pflegebedürftigen. Das wollen wir uns jetzt mithilfe der Wissenschaft mal genau ansehen. Wir erhoffen uns dadurch wertvolle Informationen, die wir bei der Weiterentwicklung der Pflegeversicherung – auch mit Blick auf den von der Politik angekündigten Reformprozess – im nächsten Jahr einbringen wollen“, so Oliver Blatt, Vorstandsvorsitzender des GKV-Spitzenverbandes.

    Die Studie untersucht neben den Auswirkungen der Pflegereform von 2017 auch weitere mögliche Faktoren, die die Anzahl pflegebedürftiger Menschen beeinflussen können. Dafür werden eigene Datenanalysen durchgeführt sowie Interviews mit Begutachtenden der Prüfdienste und Fokusgruppen mit weiteren Akteuren durchgeführt. Ziel ist es, zusätzliche Forschungs- und Entwicklungsbedarfe zu identifizieren und erste Handlungsoptionen aufzuzeigen. Der Abschluss der Studie ist für das 2. Quartal 2026 geplant.

    Hintergrund: Mit dem Zweiten Pflegestärkungsgesetz (PSG II) wurde zum 1. Januar 2017 ein neuer Pflegebedürftigkeitsbegriff eingeführt. Dieser berücksichtigt gleichwertig körperliche, kognitive und psychische Beeinträchtigungen. Entscheidend sind die Selbstständigkeit und Fähigkeiten der betroffenen Person in verschiedenen Lebensbereichen. Je nach Schweregrad der Beeinträchtigung wird ein Pflegegrad von eins bis fünf vergeben. Die Begutachtung erfolgt durch den Medizinischen Dienst (MD) im Auftrag der Pflegekasse, die auf Basis des Gutachtens über den Pflegegrad entscheidet. Dieser bestimmt maßgeblich den Umfang der Leistungen der sozialen Pflegeversicherung.


    Zur Pressemitteilung: https://www.gkv-spitzenverband.de/gkv_spitzenverband/presse/pressemitteilungen_und_statements/pressemitteilung_2085888.jsp

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  • AK Oberösterreich fördert digitale Pflegedokumentation für mobile Dienste

    Die Arbeiterkammer Oberösterreich fördert mithilfe des Zukunftsfonds ein neues Digitalprojekt zur Entlastung der mobilen Pflege. Durch eine vereinfachte, einheitliche Pflegedokumentation wird der administrative Aufwand für über 2.000 Pflegekräfte reduziert, sodass mehr Zeit für die direkte Pflege und Betreuung bleibt.

    Die Pflegekräfte in den mobilen Diensten stehen unter erheblichem Druck, insbesondere aufgrund der umfangreichen Dokumentationspflichten, die viel Zeit und Energie beanspruchen. Laut dem Arbeitsklima-Index der Arbeiterkammer Oberösterreich können sich fast zwei Drittel der Pflegebeschäftigten kaum oder gar nicht vorstellen, ihren Beruf bis zur Pension auszuüben. Das neue Projekt bietet hier einen Lösungsansatz: Eine digitalisierte, einheitliche und stark verschlankte Pflegedokumentation wird derzeit schrittweise in den mobilen Diensten Oberösterreichs implementiert und dabei mit Mitteln des Zukunftsfonds der Arbeiterkammer Oberösterreich unterstützt.

    Im Rahmen des Projekts, das von der Arbeiterkammer Oberösterreich begleitet und mit 75.000 Euro aus dem AK-Zukunftsfonds gefördert wird, wurden die bestehenden Dokumentationsprozesse analysiert, neu strukturiert und praxisgerecht vereinfacht. Dabei entstand ein umfassendes Handbuch mit klaren Empfehlungen für die tägliche Anwendung in der mobilen Pflege. Zusätzlich wurden 89 diplomierte Pflegekräfte zu Multiplikator:innen ausgebildet, um die neue Dokumentation flächendeckend in den beteiligten Organisationen einzuführen. Das Projekt wurde von der ARGE Mobile Betreuung & Pflege OÖ, die 12 Organisationen vertritt, eingereicht.

    Die grundlegende Maxime „Weniger ist mehr“ bildet die Basis des neuen Ansatzes: Dokumentiert werden nur noch wesentliche pflegerische Maßnahmen, medizinische Anweisungen und relevante Auffälligkeiten. Routinetätigkeiten und allgemeine Bemerkungen wie „Dem Klienten geht es gut“ entfallen.
    Pflegevisiten und standardisierte Protokolle sichern weiterhin Qualität und Nachvollziehbarkeit. Einheitliche Formulare und ein strukturiertes System erleichtern den Arbeitsalltag, insbesondere für neue Mitarbeitende und Auszubildende. Gleichzeitig wird die Kommunikation zwischen Pflegenden, Ärzt:innen und weiteren Berufsgruppen transparenter und effizienter gestaltet.

    Landesgeschäftsleiter-Stellvertreter und Vorsitzender der ARGE Mobile Pfleger, Thomas Märzinger vom Roten Kreuz freut sich, dass das Projekt Unterstützung gefunden hat und realisiert werden konnte, denn „Technik soll das Leben von Menschen verbessern. Das von Patientinnen und Patienten genauso, wie das unserer Pflegekräfte. Die neue Pflegedokumentation entlastet die Beschäftigen in den Mobilen Pflegeberufen. Sie gewinnen mehr Freiraum, um sich auf die Patientinnen und Patienten zu konzentrieren. Effizientere Administrationsarbeiten bedeuten mehr Zeit mit Menschen und echte Zuwendung. Davon profitieren alle, die Pflege-Teams, die Patientinnen und Patienten, ihre Angehörigen und das gesamte Gesundheitssystem. Mit diesem Schritt gewinnt die Menschlichkeit in der Pflege.“

    Einige Träger haben die Umstellung bereits abgeschlossen, während andere gerade mitten im Implementierungsprozess stehen. Die Rückmeldungen der Pflegekräfte fallen durchweg positiv aus. Geplant ist, die neue digitale Pflegedokumentation bis Ende 2026 flächendeckend in allen mobilen Diensten Oberösterreichs einzuführen.

    Mehr als 2.000 Beschäftigte profitieren

    Digitalisierung ist gestaltbar. Das haben wir mit diesem Projekt, das wir über unseren AK-Zukunftsfonds eng begleitet und mit 75.000 Euro gefördert haben, eindrucksvoll bewiesen. Nicht umsonst finden die Ergebnisse mittlerweile österreichweit Beachtung. Mit der jetzt vorliegenden digitalen Pflegedokumentation für mobile Dienste ist sichergestellt, dass sich die betroffenen Organisationen in Zukunft besser abstimmen und Doppelgleisigkeiten vermieden werden können. Mehr als 2.000 Beschäftigte, die in diesem Bereich arbeiten, profitieren davon, betont AK-Präsident Andreas Stangl.

    Von Anfang an verfolgte die Initiative das Ziel, Pflegekräfte im anspruchsvollen Arbeitsalltag zu entlasten – ohne Einbußen bei der Versorgungsqualität. Das Leitprinzip „Weniger ist mehr“ durchzieht alle Ebenen der neuen Dokumentation: geringere Komplexität, klarere Strukturen und bessere Orientierung, vor allem für neue Mitarbeitende und Auszubildende. Durch die Vereinheitlichung wird die Einarbeitung erleichtert, und perspektivisch könnte die Methode sogar in die pflegerische Ausbildung integriert werden.

    Ein zentrales Anliegen der Arbeiterkammer war außerdem, die Beschäftigtenvertretungen von Beginn an einzubeziehen: Über ein speziell eingerichtetes Soundingboard wurden Betriebsrätinnen und Betriebsräte direkt in die Projektstruktur integriert, sodass ihre Perspektiven aktiv in die Umsetzung einfließen konnten.

    Förderung durch den AK-Zukunftsfonds
    Das Projekt ist Teil des Zukunftsfonds der Arbeiterkammer Oberösterreich, mit dem innovative Initiativen unterstützt werden, die Beschäftigte im digitalen Wandel stärken. Insgesamt wurden bereits 218 Projekte mit rund 12 Millionen Euro gefördert und über 97.000 AK-Mitglieder direkt erreicht. Die digitale Pflegedokumentation für mobile Dienste ist eines der Leuchtturmprojekte, das zeigt, wie Digitalisierung im Sinne der Arbeitnehmer:innen gestaltet werden kann.


    Zur Pressemitteilung: https://www.ots.at/presseaussendung/OTS_20251028_OTS0036/weniger-buerokratie-mehr-zeit-fuer-menschen-ak-foerdert-digitale-pflegedokumentation-fuer-mobile-dienste

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