Suchtstörungen im Kindes- und Jugendalter Das Handbuch: Grundlagen und Praxis (Thomasius, Rainer et al. (Hrsg.) )Schattauer, Stuttgart, 2009. 606 S., 34 Abb., 98 Tab., 30 Fallbeispiele, 69,00 €, ISBN 978-3-7945-2359-7 Rezension von: Dr. Cornelia Ruhle-Reinfandt |
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Vorliegendes Handbuch erscheint in einer Zeit, in der Suchtstörungen bei Kindern und Jugendlichen zunehmen. Sowohl das Konsumverhalten als auch der Zugriff auf immer wieder neue Substanzen bringen große Herausforderungen mit sich. Ein gutes Beispiel ist die erst kürzlich auf dem Markt erschienene Modedroge Spice, die in diesem Handbuch noch keine Erwähnung findet. Auch die zunehmenden Diskussionen in der breiten Öffentlichkeit lassen hier eine zunehmende Sensibilisierung erkennen, doch vielfältige Programme und eine zunehmende Tendenz zur gesetzlichen Regulierung scheinen auch auf eine gewisse Hilflosigkeit diesem gesamtgesellschaftlichen Problem gegenüber zu deuten.
Mit dem Ziel, alle Facetten der Suchtstörungen bei Kindern und Jugendlichen zu beleuchten, ist dieses Handbuch erschienen. Praktisch und wissenschaftlich tätige Autorinnen und Autoren aus den unterschiedlichsten Disziplinen kommen zu Wort: Medizin, Psychologie, Pädagogik, Soziologie, Sozialarbeit, Pflegewissenschaften, Pharmakologie und Biologie.
Die Fachbeiträge gliedern sich in
- I. Grundlagen
- II. Klinisches Erscheinungsbild
- III. Ätiologie und Pathogenese
- IV. Diagnostik
- V. Behandlung
- VI. Verlauf und Prognose
- VII. Prävention
- VIII. Versorgungssysteme und ihre Konzepte
- IX. Rechtliche Aspekte
- X. Suchtauslösende Substanzen
- XI. Ausblick für Versorgung und Forschung.
Teilweise sind diese Kapitel ergänzt durch Beiträge „Aus der Praxis“, in denen besondere Aspekte oder spezielle Konzepte, Angebote oder Ergebnisse dargestellt werden.
- Ad I. Aktuelle Forschungsergebnisse (A)
- Ad II. Besondere Risikogruppen (B)
- Ad III. Besondere pathogenetische Aspekte (C)
- Ad V. Spezielle Therapieangebote (D)
- Ad VII. Spezielle Präventionsprogramme (E)
- Ad VIII. Spezielle Versorgungskonzepte (F).
Diese Bereiche sind farblich hervorgehoben, sodass bei Bedarf ein schneller Zugriff möglich ist.
Durch 30 Fallbeispiele wird darüber hinaus der Versuch unternommen, den Praxisbezug zu verstärken. Diese Fallbeispiele sind dabei nicht nur den Kapiteln „Aus der Praxis“ zugeordnet und für den in der Praxis Tätigen in der Regel auch kein Gewinn. Für die nicht praktisch tätige Leserschaft wiederum fehlen jeweils die Analyse und die Einbettung.
Die 79 Fachbeiträge, in denen Doppelungen von Informationen wohl nicht zu vermeiden sind, werden jeweils durch eine knappe Zusammenfassung eingeleitet und schließen mit einem ausführlichen, sehr aktuellen Literaturverzeichnis. Viele Kapitel gliedern sich in Ausgangslage, Zielsetzung / Fragestellung, Umsetzung, Ergebnisse und Ausblick. Zahlreiche Tabellen und Abbildungen tragen zur Strukturierung bei und erleichtern bei Bedarf den schnellen Zugriff auf wichtige Informationen. Wichtige Textbausteine sind zudem farblich unterlagert.
Ergänzt wird das Handbuch durch einen Anhang, in dem
- 1. Adressen bundesweit in der Suchthilfe tätiger Organisationen
- 2. Adressen kinder- und jugendpsychiatrischer klinischer Abteilungen mit suchtspezifischem Angebot
- und 3. Internetadressen zum Thema Sucht verzeichnet sind.
Hinzu kommt ein umfangreiches Register.
Insgesamt bezieht sich das Handbuch ausschließlich auf substanzbezogene Suchtstörungen. Die in der Praxis zunehmenden und dabei oft relevanten und entwicklungsgefährdenden Störungen im Umgang mit den elektronischen Medien etwa finden keine Berücksichtigung.
Der vorliegende Sammelband bietet einerseits einen fundierten Überblick über aktuelle Forschungsbefunde, Studienergebnisse und Modelle, die dann oft sehr theoretisch und zahlenlastig sind und sich mit Sicherheit nur an eine vorgebildete Leserschaft bzw. das Fachpublikum wenden. Andererseits bietet er einen sehr praxisnahen Überblick besonders in den Kapiteln Diagnostik, Behandlung, Prävention, Versorgungssysteme und ihre Konzepte sowie Suchtauslösende Substanzen. Dabei erreichen die Artikel teilweise lehrbuchartigen Charakter, ohne dass jedoch das gesamte Handbuch als Lehrbuch zu verstehen ist, denn auch hier richten sich die Artikel eher an in den einzelnen Fachbereichen Tätige und eine Leserschaft mit Vorwissen. Der Praxisbezug erscheint dabei in den Fachartikeln „Aus der Praxis“ nicht generell stärker als in den anderen Artikeln und die Zuordnung der Artikel erschließt sich somit nicht immer ganz eindeutig.
So fachübergreifend wie die Autorenschaft so breit wird zusammenfassend die Leserschaft dieses Handbuchs sein, die dann je nach Fachdisziplin und Spezialisierung einzelne Artikel mit Gewinn lesen wird. Dabei richtet es sich jedoch nicht unbedingt an eine Leserschaft, die eine erste Auseinandersetzung mit dieser Thematik sucht. Dieses Handbuch ist somit weniger als ein grundlegendes, sondern vielmehr als relativ spezialisiertes Literaturangebot zu verstehen, das dabei jedoch alle in der Praxis Tätigen – bis hin zum Drogenberatungslehrer- anspricht. Mit Sicherheit wird das Handbuch eine Hilfe für die Planung und Umsetzung neuer und möglichst zahlreicher Präventions- und Therapieprojekte sein, wobei generell der familiäre Präventionsauftrag zunehmend Berücksichtigung finden und eingefordert werden sollte.