Seit Januar 2026 bündeln die Hochschule Bochum, MedEcon Ruhr und das RWI – Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung ihre Kompetenzen im Rahmen des Forschungsprojekts „sustain2care.ruhr". Gemeinsames Ziel ist es, die Pflegewirtschaft in der Metropole Ruhr ökologisch zukunftsfähiger aufzustellen. Das Vorhaben wird durch Mittel der Europäischen Union sowie des Landes Nordrhein-Westfalen mit rund einer Million Euro unterstützt und ist bis 2028 angelegt. Im Mittelpunkt stehen die Entwicklung, Erprobung und wissenschaftliche Bewertung von Maßnahmen, die den ökologischen Fußabdruck der Branche spürbar verringern sollen.

Pflegebranche als unterschätzter Klimafaktor

Der Gesundheitssektor zählt zu den ressourcenintensivsten Wirtschaftsbereichen. Allein pro Pflegeplatz fallen jährlich etwa 7,4 Tonnen CO₂ an. Dennoch stand die Pflegebranche bislang kaum im Mittelpunkt klimapolitischer Initiativen. Genau diese Lücke will sustain2care.ruhr schließen: Das Projekt begreift die Pflegewirtschaft als relevanten Akteur im Wandel und bindet sie aktiv in nachhaltige Transformationsprozesse ein.

Methodisch verfolgt das Konsortium einen mehrstufigen Ansatz, der Forschung, Wirtschaft und Versorgungspraxis systematisch verzahnt. In thematisch ausgerichteten Think Tanks entwickeln regionale Akteure anwendungsorientierte Lösungsansätze, die in einem nächsten Schritt in Pflegeeinrichtungen erprobt und wissenschaftlich begleitet werden. Der Fokus liegt dabei klar auf umsetzbaren Maßnahmen zur Emissionsreduzierung.

Die gewonnenen Erkenntnisse fließen in praxistaugliche Leitfäden ein, die Einrichtungen eine eigenverantwortliche Umsetzung ermöglichen. Darüber hinaus wird ein Methodenkoffer entwickelt, der den Transfer von Wissen zwischen Wissenschaft und Praxis strukturiert und die Übertragbarkeit der Ergebnisse auf andere Regionen sicherstellt.

Erstes Etappenziel erreicht

Ende Februar 2026 kamen die Projektpartner zum Auftakttreffen erstmals persönlich zusammen und legten den Grundstein für die inhaltliche Zusammenarbeit. „Im nächsten Schritt präsentieren wir sustain2care.ruhr Mitte April auf der Altenpflegemesse in Essen und treten damit erstmals öffentlich in den Dialog mit Fachpublikum und Praxis", erläutert Prof. Dr. Frank Schmitz, Projektbeteiligter von der Hochschule Bochum.

Die Konsortialführung liegt bei MedEcon Ruhr, dem Netzwerk der Gesundheitswirtschaft in der Metropole Ruhr. Als wissenschaftlicher Partner ist das RWI – Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung eingebunden. Die Hochschule Bochum ist mit dem Fachbereich Wirtschaft (Prof. Dr. Stephan Sommer) sowie dem Fachbereich Gesundheitswissenschaften (Prof. Dr. Frank Schmitz) vertreten. Das Konsortium vereint gezielt komplementäre Expertise, um die Pflegewirtschaft im Ruhrgebiet langfristig widerstandsfähiger und nachhaltiger zu gestalten.

Projektwebsite der Hochschule Bochum: https://www.hochschule-bochum.de/forschung/sustain2careruhr/ 


Zur Pressemittielung: https://www.hochschule-bochum.de/die-bo/wichtige-einrichtungen/hochschulkommunikation/pressemitteilungen/pm/n/pflege-neu-gedacht-projekt-sustain2careruhr/

Foto: Gruppenfoto der Projektbeteiligten beim Kick-off Meeting im Februar 2026. (c) HSBO

Im Februar 2026 startete das DIP das Forschungsprojekt DECURA. In Kooperation mit der Justus-Liebig-Universität Gießen, der Hochschule Bonn-Rhein-Sieg, der Universität des Saarlandes und der VIVAI Software AG wird erforscht, wie dezentrale Datenverarbeitung die häusliche Pflege unterstützen kann. Das Projekt zielt darauf ab, die Selbstbestimmung pflegebedürftiger Menschen und ihrer An- und Zugehörigen zu stärken und die Versorgungsqualität nachhaltig zu verbessern.

Herausforderung: Komplexe Versorgungsrealität und Informationsbedarf

Gesundheits- und Versorgungsnetzwerke sind komplexe soziale Systeme, in denen informelles Lernen eine zentrale Rolle spielt. Insbesondere An- und Zugehörige erwerben pflegerische Kompetenzen häufig praxisnah. „Da Pflegebedürftigkeit oftmals unerwartet eintritt, besteht ein akuter Bedarf an verlässlichen, verständlichen und individuell zugeschnittenen Informationen“, so Projektleiter Prof. Dr. Tobias Hölterhof.

Digitale Gesundheitsanwendungen bieten großes Potenzial, pflegende Angehörige und Betroffene gezielt zu unterstützen. Gleichzeitig sorgen Datenschutz- und Sicherheitsbedenken, vor allem bei zentralisierter Datenverarbeitung, oft für Überforderung oder Ablehnung. Vertrauen und Datensicherheit bleiben daher zentrale Voraussetzungen für den erfolgreichen Einsatz digitaler Lösungen im sensiblen Gesundheitskontext.

Zielsetzung: Dezentrale, sichere und personalisierte Unterstützung

Das Projekt DECURA greift genau dieses Problem auf. Ein interdisziplinäres Konsortium unter Leitung des DIP entwickelt eine digitale Anwendung, die Gesundheitsdaten dezentral – direkt auf den Endgeräten der Betroffenen – verarbeitet. So können personalisierte Informationen sowie Lern- und Versorgungsangebote bereitgestellt werden, die sich an den individuellen Bedarfen pflegebedürftiger Menschen und ihrer Sorgegemeinschaft orientieren. Durch die lokale Datenverarbeitung sinken Datenschutzrisiken, und die Kontrolle über sensible Informationen bleibt bei den Nutzerinnen und Nutzern – ihre Datensouveränität wird gestärkt.

Rechtliche und organisatorische Rahmenbedingungen

Ein weiterer Schwerpunkt von DECURA ist die Analyse rechtlicher und organisatorischer Rahmenbedingungen. Ziel ist es, bestehende Hürden für dezentrale digitale Systeme im Gesundheitswesen zu erkennen und praktikable Lösungsansätze zu entwickeln. Damit trägt das Projekt nicht nur zur technologischen Innovation bei, sondern fördert auch die strukturelle Weiterentwicklung der digitalen Gesundheitsversorgung.

Innovation mit gesellschaftlicher und wirtschaftlicher Perspektive

Die Verbindung von informellen Lernnetzwerken, personalisierten digitalen Inhalten und konsequent datenschutzkonformer, dezentraler Technologie eröffnet im Pflegekontext ein bislang wenig erforschtes Innovationsfeld. DECURA stärkt das Vertrauen in digitale Gesundheitsanwendungen, fördert digitale Teilhabe und verbessert die Qualität der häuslichen Pflege. Mit dem Start des Projekts wird ein wichtiger Schritt hin zu selbstbestimmter, sicherer und zukunftsfähiger digitaler Unterstützung in der häuslichen Pflege gemacht. Gefördert wird DECURA vom Bundesministerium für Forschung, Technologie und Raumfahrt (BMFTR) mit rund 2 Millionen Euro.

Das gemeinnützige Deutsche Institut für angewandte Pflegeforschung e. V. (DIP-Institut) ist seit über 25 Jahren An-Institut der Katholischen Hochschule NRW. Gemeinsam mit der 2021 ausgegründeten Dienstleistung, Innovation, Pflegeforschung GmbH (DIP-Plattform) trägt es durch praxisorientierte Forschung und Entwicklung zur Qualitätssicherung in der Pflege sowie zur Stärkung von Pflegewissenschaft und Pflegepraxis in Deutschland bei. Die DIP-Plattform arbeitet unabhängig und finanziert sich ausschließlich über Drittmittel, Mitgliedsbeiträge und Spenden. Seit der Gründung wurden über 200 Projekte mit einem Gesamtvolumen von mehr als 25 Millionen Euro umgesetzt.


Zur Pressemitteilung: https://www.dip.de/start-des-forschungsprojekts-decura/

Foto: Forschungsteam des Projekts DECURA

Die Karl Landsteiner Privatuniversität für Gesundheitswissenschaften in Krems führte in den vergangenen Monaten im Auftrag von SeneCura eine neue Befragung durch. Mit über 5.000 Mitarbeitenden ist die SeneCura-Gruppe der größte private Arbeitgeber im Pflege- und Gesundheitsbereich Österreichs. Ziel der Studie „Generationenmanagement in der Langzeitpflege der SeneCura-Gruppe“ war es, die Arbeitseinstellungen der unterschiedlichen Generationen sowie deren Zusammenarbeit über die Altersgruppen hinweg zu analysieren. Zusätzlich wurde untersucht, welche Bedeutung Migration in diesem Zusammenhang hat. 

Flexibilität und Selbstbestimmtheit sind gefragt

Die Studie zeigt, dass sich die Arbeitseinstellungen der Generationen unterscheiden. Studienautor Univ.-Prof. Dr. Franz Kolland: „Während ältere Generationen wie die Baby Boomer großen Wert auf Arbeitsplatzsicherheit legen, stehen für jüngere Generationen andere Aspekte im Vordergrund: gute Bezahlung, flexible Arbeitsgestaltung und Selbstbestimmtheit sind für sie besonders wichtig.“

Die Befragung zeigt deutliche Unterschiede zwischen den Generationen: 80 % der Generation Z (1997–2012) messen flexibler Arbeitszeitgestaltung eine hohe Bedeutung bei, während dies nur 67 % der Baby-Boomer-Generation (1954–1969) so sehen. Umgekehrt liegt für die Baby Boomer mit 67 % die Arbeitsplatzsicherheit an oberster Stelle – mehr als bei den jüngeren Generationen.
Auch die intergenerationale Zusammenarbeit wird unterschiedlich erlebt: Die Generation Z berichtet am häufigsten von Konflikten zwischen Jüngeren und Älteren, während Baby Boomer solche Spannungen deutlich seltener wahrnehmen.

Ein weiterer zentraler Befund betrifft Migration und kulturelle Vielfalt in der Langzeitpflege. Prof. Dr. Kolland: „Die Generation Z steht kultureller Vielfalt besonders positiv gegenüber und sieht darin einen klaren Vorteil für bessere Lösungen. Gleichzeitig nimmt sie aber auch häufiger Missverständnisse in der Zusammenarbeit mit Kolleg:innen unterschiedlicher Herkunft wahr. Dies ist ein Hinweis auf die Herausforderungen, die mit Diversität einhergehen können.“

Die Studie zeigt, dass 79 % der Generation Z der Aussage zustimmen, dass „kulturelle Vielfalt zu besseren Lösungen führt“, während dies nur 56 % der Generation X und 52 % der Baby Boomer so sehen.

Anton Kellner, Geschäftsführer der SeneCura-Gruppe, sagt dazu: „Wir haben zahlreiche Initiativen gestartet, um den Pflegeberuf in Österreich attraktiv zu gestalten. Die Personalsituation in der Langzeitpflege bleibt aber herausfordernd. Neben der Aus- und Weiterbildung unserer Pflegekräfte und von Quereinsteiger:innen an der EMG Akademie in Graz setzen wir auch auf die Integration ausländischer Pflegekräfte in unseren Betreuungseinrichtungen. Diese Studie hilft uns dabei, Vorbehalte als auch Chancen besser zu verstehen und die Integration in den laufenden Pflegebetrieb noch stärker zu unterstützen.“


Zur Pressemitteilung: https://www.ots.at/presseaussendung/OTS_20260330_OTS0066/was-junge-pflegekraefte-von-ihrem-arbeitgeber-erwarten

Foto: stock.adobe.com - kues1