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Pflegende Angehörige besser erreichen: Studie setzt auf Storytelling statt auf klassische Ratschläge
Zum Internationalen Tag der Pflege am 12. Mai machte die Universität Witten/Herdecke auf einen neuen Zugang in der Unterstützung pflegender Angehöriger aufmerksam. Im Mittelpunkt ihrer Studie stand die Frage, warum viele klassische Hilfsangebote Menschen im Pflegealltag nicht erreichen – und wie ein erzählerischer Ansatz neue Zugänge eröffnen kann.
Pflege im familiären Umfeld findet häufig im Verborgenen statt. Millionen Menschen versorgen Angehörige neben Beruf, Familie und eigenen Verpflichtungen. Was nach Fürsorge klingt, ist im Alltag oft mit dauerhafter Belastung, Überforderung und sozialer Isolation verbunden. Besonders schwierig ist die Situation für Menschen, die zusätzlich mit sprachlichen oder kulturellen Hürden konfrontiert sind. Viele bestehende Unterstützungsangebote greifen aus ihrer Sicht zu kurz, weil sie nicht ausreichend an den Lebensrealitäten der Betroffenen ansetzen.
Genau hier setzt das Verbundprojekt „Diversity-On“ an, an dem Wissenschaftler:innen des Lehrstuhls für Versorgungsforschung der Universität Witten/Herdecke beteiligt waren. Über einen Zeitraum von drei Jahren wurde gemeinsam mit weiteren Forschenden ein digitales Selbsthilfeangebot für pflegende Angehörige entwickelt. Ein besonderer Schwerpunkt lag dabei auf Menschen mit türkischer Migrationsgeschichte – stellvertretend für weitere Gruppen, die durch bestehende Angebote oft nicht ausreichend erreicht werden.
Im Zentrum des Projekts steht ein Ansatz, der sich bewusst von klassischen Informations- und Beratungsformaten absetzt: Storytelling. Statt auf Ratgebertexte oder vorgefertigte Lösungen zu setzen, arbeiten die Forschenden mit erzählten Erfahrungen aus dem Pflegealltag. „Viele Angebote scheitern nicht an ihrem Inhalt, sondern daran, dass sich Menschen darin nicht wiederfinden“, sagt Kübra Annac, wissenschaftliche Mitarbeiterin im Projekt. „Geschichten schaffen Identifikation und damit einen ganz anderen Zugang.“
Die entwickelten Geschichten basieren auf Interviews mit Betroffenen und greifen typische Belastungssituationen auf – etwa Zeitdruck, familiäre Konflikte oder den Umgang mit professioneller Unterstützung. Sie bleiben bewusst offen und sollen keine fertigen Antworten liefern. Stattdessen laden sie dazu ein, eigene Erfahrungen zu reflektieren und mit anderen darüber ins Gespräch zu kommen. Im Projekt identifizierte das Forschungsteam insgesamt neun unterschiedliche Pflegekonstellationen – von der alleinpflegenden, stark belasteten Person bis zum Angehörigen, der zwischen familiären Erwartungen und den eigenen Bedürfnissen steht. Diese verschiedenen Lebensrealitäten wurden in mehreren Geschichten abgebildet.
Zum Einsatz kamen die Geschichten in moderierten Online-Gruppen, in denen sie gemeinsam gelesen und besprochen wurden. Nach Angaben der Forschenden zeigen die Ergebnisse, dass dieser Zugang funktioniert. Die Geschichten erleichtern den Zugang zu Themen, die im Pflegealltag häufig unausgesprochen bleiben, machen komplexe Situationen greifbarer und helfen dabei, eigene Handlungsmöglichkeiten besser zu erkennen.
Für die Praxis leitet das Projekt daraus ab, dass Unterstützungsangebote stärker an den tatsächlichen Erfahrungen pflegender Angehöriger ansetzen sollten. Die im Projekt entwickelten „Story-Pakete“ sollen deshalb auch über das Projekt hinaus genutzt werden können – etwa in Selbsthilfegruppen oder in der Beratung. Sie stehen in deutscher, türkischer und englischer Sprache kostenlos zur Verfügung und können auf der Projektseite heruntergeladen werden.
Das Projekt „Diversity-On“ lief von Januar 2023 bis Dezember 2025 und wurde vom Innovationsfonds des Gemeinsamen Bundesausschusses gefördert. Beteiligt war der Lehrstuhl für Versorgungsforschung der Universität Witten/Herdecke in einem Verbund unter Leitung der Alice Salomon Hochschule Berlin und in Zusammenarbeit mit der Demenz Support Stuttgart gGmbH.

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