
Gesundheit Österreich GmbH (Hrsg.)
Community Nursing in Österreich
Grundlagen und Methoden für die gemeindenahe Pflege
Springer Verlag, Berlin, 1. Auflage 2025, 124 Seiten, 42,79 €, ISBN 978-3-662-71837-7, ISBN 978-3-662-71838-4 (eBook)
Der demografische Wandel stellt Gesundheits- und Pflegesysteme in ganz Europa vor wachsende Herausforderungen. Österreich bildet dabei keine Ausnahme, eine alternde Bevölkerung, zunehmende Pflegebedürftigkeit und Versorgungslücken im ländlichen Raum erfordern innovative Lösungen jenseits der klassischen stationären Pflege. Community Nursing setzt genau hier an, als gemeindenahes, präventiv ausgerichtetes Angebot, das älteren Menschen einen möglichst langen Verbleib im eigenen Zuhause ermöglichen und Versorgungslücken schließen soll. Das vorliegende Werk ist im Rahmen eines staatlich geförderten Pilotprogramms entstanden, das zwischen 2022 und 2024 in ganz Österreich umgesetzt wurde. Die Gesundheit Österreich GmbH, eine staatliche Kompetenzstelle für Gesundheit im Auftrag des Bundesministeriums, hat das Projekt koordiniert und verantwortet. Die Beiträge stammen von 26 Autor:innen, vorwiegend Mitarbeitende aus der Gesundheit Österreich GmbH und ergänzt durch externe Expert:innen aus Pflegepraxis, Gesundheitsförderung und Gemeindeentwicklung. Als wissenschaftliche Bilanzierung dieser Pilotphase bündelt das Werk die gewonnenen Erkenntnisse und macht sie einem breiten Fachpublikum zugänglich. Die Veröffentlichung als Open-Access-Publikation unterstreicht dabei die Zielsetzung der möglichst weiten Verbreitung.
Das Buch folgt einem klaren Aufbau, zu Anfang wird die konzeptionelle Verortung von Community Nursing im internationalen Fachdiskurs beschrieben und daraus schrittweise das österreichische Modell abgeleitet. Auf dieser theoretischen Basis werden die wesentlichen Zielgruppen und Handlungsfelder in den Mittelpunkt gerückt, wobei es von der Prävention von Frailty bei älteren Menschen über die Gesundheitsförderung im kommunalen Setting bis hin zur interprofessionellen Zusammenarbeit und den methodischen Grundlagen der Pflege in der gemeindenahen Versorgung reicht. Den Abschluss bildet ein zukunftsorientierter Teil, der Resilienz und Klimafolgen als neuere Herausforderungen für die gemeindenahe Pflege einbezieht und damit den Blick über den gegenwärtigen Versorgungsalltag hinaus weitet.
Der besondere Wert des Buches liegt in seiner Verbindung von Theorie und Praxis. Es ist das erste deutschsprachige Werk, das Community Nursing systematisch im österreichischen Kontext aufbereitet und dabei die Ergebnisse eines real durchgeführten Pilotprogramms integriert. Damit füllt es eine Lücke in der pflegewissenschaftlichen Literatur des deutschsprachigen Raums. Eine starke inhaltliche Breite wird geschaffen, indem pflegewissenschaftliche, public-health-orientierte, sozialräumliche und sozialpolitische Perspektiven miteinander verknüpft werden.
Das Thema ist bewusst weit gefasst, es beschränkt sich nicht auf die pflegerische Versorgung im engeren Sinne, sondern bezieht gesellschaftliche, kommunale und ökologische Zusammenhänge mit ein. So liefert die Auseinandersetzung mit Frailty nicht nur einen Überblick über das Ausmaß von Gebrechlichkeit im europäischen Vergleich, sondern zeigt darüber hinaus konkrete pflegerische Handlungsfelder auf. Die Kapitel zu Caring Communities und dem Konzept der altersfreundlichen Gemeinde bieten praxisnahe Orientierung für alle, die Community Nursing im kommunalen Kontext umsetzen möchten. Ein ganzes Kapitel wird zudem dem Handlungsfeld von Community Nurses hinsichtlich klimabedingter Gesundheitsrisiken gewidmet; ein Thema, das in der Pflegeliteratur bislang wenig systematisch behandelt wurde.
Das benannte Ziel des Buches, Klarheit über das Konzept Community Nursing zu schaffen und eine Diskussionsgrundlage für die Weiterentwicklung im deutschsprachigen Raum zu bieten, wird im Wesentlichen erreicht. Besonders gelungen ist die transparente Darstellung des Pilotprogramms mit konkreten Kennzahlen, die Einordnung des österreichischen Modells in den internationalen Vergleich sowie die konsequente Ausrichtung auf die Verbindung von Prävention und Pflegehandeln. Die Gestaltung ist übersichtlich und der rote Faden durchgehend erkennbar. Abbildungen sind in ausreichendem Maße vorhanden und gut platziert, sodass diese den Textinhalt adäquat unterstützen. Darüber hinaus erhöhen Informationsboxen sowie weiterführende Literaturhinweise am Kapitelende den praktischen Nutzen.
Wünschenswert wäre die Einbeziehung von weiteren konkreten Fallbeispielen aus der Pilotphase gewesen, die gerade für Leser:innen mit praktischem Hintergrund eine wertvolle Ergänzung dargestellt hätten. Offen bleibt zudem die Frage nach künftigen Qualifizierungswegen. Das Buch reflektiert die Praxis der Pilotphase, in der diplomierte Gesundheits- und Krankenpflegende mit Berufserfahrung als Community Nurses eingesetzt wurden und benennt notwendige Zusatzkompetenzen in Bereichen wie Gesundheitsförderung, Assessment und Netzwerkarbeit. Konkrete Empfehlungen für den Aufbau formaler Qualifizierungsprogramme in Österreich werden jedoch nicht genannt, hier bleibt Raum für weiterführende Diskussionen und künftige Entwicklungen. Ähnliches gilt für die langfristige Finanzierung und institutionelle Verankerung von Community Nursing. Wie das Konzept nach dem Auslaufen der Förderung strukturell abgesichert werden soll, wird nicht beantwortet.
Insgesamt ist das vorliegende Buch ein wichtiges und aktuelles Referenzwerk, das die wachsende Bedeutung gemeindenaher Pflege im Gesundheitssystem unterstreicht. Es richtet sich primär an (diplomierte) Gesundheits- und Krankenpflegepersonen, Community Nurses, Lehrende und Studierende der Pflegewissenschaft sowie an Entscheidungsträger:innen in Gemeinden, Sozialhilfeverbänden und Gesundheitspolitik. Wer sich einen fundierten Überblick über Grundlagen, Methoden und aktuelle Entwicklungen des Community Nursing in Österreich verschaffen möchte, kommt an diesem Werk nicht vorbei.
Eine Rezension von Sandra Wöbeking, M.A., B.A.

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