
Petra Hömens
Ernährung im Schichtdienst
Mahlzeitenstruktur und Schlafhygiene im pflegerischen Alltag
facultas Verlag, Wien, 2. aktual. und erw. Auflage 2026, 128 Seiten, 19,40 €, ISBN 978-3-7089-2637-7
Einordnung von Thema, Autorin und Kontext
Schichtarbeit gehört in vielen gesellschaftlich relevanten Berufsgruppen zum Alltag – insbesondere im Gesundheitswesen, in Rettungsdiensten, Industrie, Sicherheitssektor oder öffentlichem Nahverkehr. Während Belastungen wie Schlafmangel, soziale Desynchronisation und chronische Erschöpfung zunehmend wissenschaftlich untersucht werden, bleibt die Ernährung im Schichtdienst häufig ein praxisnahes, aber fragmentarisch behandeltes Thema. Genau hier setzt Petra Hömens mit ihrer Publikation Ernährung im Schichtdienst an.
Die Autorin bewegt sich erkennbar im Spannungsfeld zwischen ernährungswissenschaftlicher Information, arbeitsmedizinischer Perspektive und praxisorientierter Gesundheitsförderung. Ihr Ansatz richtet sich weniger an ein rein wissenschaftliches Fachpublikum als vielmehr an Menschen, die im Schichtsystem arbeiten oder diese begleiten – darunter Pflegefachpersonen, therapeutische Berufsgruppen, betriebliche Gesundheitsakteur*innen oder auch Bildungskontexte der Erwachsenen- und Fachweiterbildung.
Das Buch erscheint in einem Kontext wachsender Aufmerksamkeit für Prävention, Selbstfürsorge und arbeitsbedingte Gesundheitsrisiken. Themen wie Schlafhygiene, circadiane Rhythmen, metabolische Belastungen und Ernährungsverhalten unter Zeitdruck werden zunehmend in wissenschaftlichen wie populärwissenschaftlichen Diskursen verhandelt. Hömens’ Publikation lässt sich daher als Versuch lesen, diese Erkenntnisse in eine alltagsorientierte Handreichung zu überführen.
Gleichzeitig steht das Werk in einer Tradition praxisnaher Ratgeberliteratur für Gesundheitsberufe und andere Schichtarbeitende. Vergleichbare Veröffentlichungen – etwa Schmal (2015) mit einem stärker alltagspraktischen Fokus auf gesundes Arbeiten im Schichtdienst – zeigen, dass die Verbindung von Ernährung, Schlaf und Arbeitsrealität seit Jahren ein relevantes Thema darstellt. Hömens positioniert sich hier mit einem klaren Schwerpunkt auf ernährungsbezogene Aspekte im Kontext physiologischer Anpassungsprozesse.
Aufbau und innere Logik der Publikation
Das Buch folgt einer nachvollziehbaren inneren Dramaturgie, die sich von grundlegenden physiologischen und arbeitsmedizinischen Zusammenhängen hin zu konkreten Handlungsempfehlungen entwickelt. Zunächst wird der Zusammenhang zwischen Schichtarbeit, circadianer Rhythmik und gesundheitlichen Folgen skizziert. Dabei werden sowohl Schlafprozesse als auch metabolische Veränderungen thematisiert und in Bezug zur Nahrungsaufnahme gesetzt.
Im weiteren Verlauf verschiebt sich der Fokus zunehmend auf praktische Aspekte: Mahlzeitenstruktur, Timing von Nahrungsaufnahme, Flüssigkeitsmanagement sowie individuelle Strategien zur Stabilisierung von Energielevel und Leistungsfähigkeit. Ergänzend werden Lebensrealitäten unterschiedlicher Schichtmodelle aufgegriffen und in exemplarischen Tagesabläufen dargestellt. Diese Modelle dienen als Orientierung und versuchen, eine Balance zwischen wissenschaftlicher Evidenz und pragmatischer Umsetzbarkeit zu schaffen.
Didaktisch wird der Text durch grafische Darstellungen, Tabellen und QR-Codes ergänzt, die zusätzliche Informationen oder vertiefende Hinweise liefern. Gegen Ende werden Reflexionsinstrumente wie Ess- und Trinkprotokolle eingeführt, um Lesende zur Selbstbeobachtung und Anpassung ihrer Gewohnheiten anzuregen. Insgesamt entsteht so eine Struktur, die von Grundlagenwissen zu individualisierten Handlungsmöglichkeiten überleitet, ohne den Anspruch einer wissenschaftlichen Monografie zu verfolgen.
Diskussion und kritische Einordnung
Eine der größten Stärken des Buches liegt in der Einbindung aktueller Literatur und der gut verständlichen Darstellung der Studienlage. Wissenschaftliche Erkenntnisse werden nachvollziehbar zusammengeführt und in einen gesundheitspraktischen Kontext übertragen. Gerade für Lesende, die einen evidenzbasierten Zugang suchen, bietet das Werk eine solide Grundlage. Die Darstellung der Forschung bleibt dabei überwiegend differenziert und ausgewogen. Die Autorin vermeidet vereinfachende Kausalbehauptungen und stellt Zusammenhänge zwischen Schlaf, Stoffwechsel und Ernährung in angemessener Komplexität dar. Diese wissenschaftliche Fundierung hebt das Buch positiv von rein erfahrungsbasierten Ratgeberformaten ab. Die Stärke des evidenzbasierten Ansatzes trifft jedoch auf eine gewisse Zurückhaltung bei der konkreten Operationalisierung. Viele Empfehlungen bleiben bewusst allgemein formuliert. Das erleichtert zwar die Übertragbarkeit auf unterschiedliche Berufsgruppen, lässt jedoch stellenweise den Wunsch nach stärker ausformulierten Handlungsroutinen offen. Ein exemplarischer Wochenplan – etwa mit Einkauf, Vorbereitung und Umsetzung – hätte den Transfer in den Alltag noch greifbarer machen können.
Positiv hervorzuheben ist die Einbindung von QR-Codes, die zusätzliche Informationen wie Alltagstipps oder Hinweise zur Schlafhygiene bereitstellen. Diese digitalen Ergänzungen wirken modern und niedrigschwellig. Gleichzeitig bleiben sie inhaltlich eher breit angelegt; stärker individualisierte Beispiele oder situationsspezifische Szenarien hätten den praktischen Nutzen weiter vertiefen können.
Die Nutzung klassischer Ess- und Trinkprotokolle stellt ein weiteres interessantes, zugleich ambivalentes Element dar. Als Instrument der Selbstreflexion bieten sie einen strukturierten Zugang zur eigenen Ernährungsrealität. Allerdings bleibt die konkrete Anleitung zur Auswertung und Interpretation eher knapp. Vor dem Hintergrund verfügbarer digitaler Anwendungen mit automatisierten Analysefunktionen wirkt der Ansatz stellenweise traditionell. Eine ergänzende Diskussion moderner Tools hätte die methodische Bandbreite erweitert.
Die im Buch präsentierten Tagesmodelle verfolgen eine klare gesundheitsorientierte Logik. Sie orientieren sich an physiologischen Rhythmen und strukturieren Mahlzeiten entsprechend. Gleichzeitig erscheinen einige Darstellungen stärker idealtypisch als alltagsnah. Beispielsweise implizieren bestimmte Modelle frühe Aufstehzeiten im Spätdienst oder unmittelbar anschließende Schlafphasen nach Dienstende – Szenarien, die nicht in allen Lebensrealitäten realistisch sind.
Im Nachtdienst zeigen sich unterschiedliche Logiken der Tagesstruktur. Diese Variabilität könnte als Flexibilität interpretiert werden, bleibt jedoch ohne explizite Einordnung. Zudem fehlen in einigen Modellen konkrete Schlafenszeiten, obwohl Schlafphysiologie zuvor ausführlich behandelt wird. Hier hätte eine klarere zeitliche Verortung die praktische Orientierung unterstützt. Wenig berücksichtigt werden Wegezeiten, die insbesondere in Großstädten oder ländlichen Regionen einen erheblichen Einfluss auf Ess- und Schlafrhythmen haben. Pendelzeiten verändern die Planung von Mahlzeiten und Regenerationsphasen maßgeblich.
Positiv zu bewerten ist hingegen die Berücksichtigung vegetarischer Ernährungsformen sowie die Sensibilisierung für altersbedingte Veränderungen im Flüssigkeitshaushalt. Diese Themen werden angesprochen, bleiben jedoch eher punktuell und könnten in zukünftigen Auflagen weiter vertieft werden.
Die grafischen Darstellungen sind klar strukturiert und funktional, verfolgen jedoch einen bewusst schlichten visuellen Ansatz. Ihr Mehrwert liegt vor allem in der Übersichtlichkeit. Wer innovative Visualisierung oder didaktisch besonders ausgefeilte Diagramme erwartet, wird eher eine zurückhaltende Gestaltung vorfinden.
Die Platzierung der Fußnoten gesammelt am Ende des Buches – unmittelbar vor dem Literaturverzeichnis – unterstützt zwar einen flüssigen Lesetext, erschwert jedoch gelegentlich die unmittelbare Quellenprüfung während der Lektüre.
Das Buch adressiert primär Menschen im Gesundheitswesen, lässt sich jedoch grundsätzlich auch auf andere Schichtarbeitsbereiche übertragen. Viele Grundprinzipien gelten ebenso für Industrie, Transportwesen oder Sicherheitsdienste. Eine explizitere Reflexion dieser Übertragbarkeit hätte die thematische Breite stärker unterstrichen.
Insgesamt ist der thematische Fokus weder extrem eng, noch übermäßig breit. Ernährung bildet den klaren Schwerpunkt, wird jedoch sinnvoll mit Schlaf, Regeneration und Arbeitsorganisation verknüpft. Dadurch entsteht ein interdisziplinärer Zugang, der sowohl Einsteiger*innen als auch fachlich Interessierten Orientierung bietet.
Zusammenfassende Bewertung
Ernährung im Schichtdienst ist eine fundierte, gut strukturierte und angenehm lesbare Publikation, die wissenschaftliche Erkenntnisse verständlich in einen praxisnahen Kontext überträgt. Besonders überzeugend sind die aktuelle Literaturbasis, die differenzierte Darstellung physiologischer Zusammenhänge und die klare gesundheitspräventive Perspektive.
Gleichzeitig bleibt die praktische Umsetzung an einigen Stellen bewusst offen. Idealtypische Tagesmodelle, eher allgemeine Empfehlungen und eine begrenzte Berücksichtigung realer Alltagsfaktoren wie Wegezeiten oder soziale Übergangsphasen können dazu führen, dass Lesende eigene Anpassungsarbeit leisten müssen. Die Verbindung von analogen Reflexionsinstrumenten mit digitalen Ergänzungen wirkt teilweise uneinheitlich, regt jedoch zur individuellen Weiterentwicklung an.
Lesenswert ist das Buch insbesondere für Pflegefachpersonen, therapeutische Berufsgruppen, Auszubildende und Weiterbildungsteilnehmende sowie für alle, die sich erstmals strukturiert mit Ernährung im Schichtsystem auseinandersetzen möchten. Ebenso eignet es sich als Grundlage für Unterricht, Seminare oder betriebliche Gesundheitsprogramme. Wer bereits sehr konkrete, hochindividualisierte Handlungspläne sucht, wird ergänzende Literatur oder eigene Anpassungen benötigen.
Insgesamt bietet Hömens eine sachlich fundierte, gut zugängliche Orientierung im komplexen Feld von Ernährung und Schichtarbeit. Die Publikation überzeugt weniger durch spektakuläre Neuerfindungen als durch die verständliche Bündelung aktueller Erkenntnisse und eine klare Einladung zur Reflexion des eigenen Arbeitsalltags – und genau darin liegt ihr nachhaltiger Wert.
Eine Rezension von Romy Flotow (MSc Health Professions Education)

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